Unter Regierungschef Ariel Scharon verhärtete sich die Front zwischen Israel und den Palästinensern

Geschichte des Nahen Ostens: Das Recht des Stärkeren

+
Ariel Scharon, Israels Premier von 2001 bis 2006. Er starb im Januar 2014.

Der israelisch-palästinensische Konflikt mit seinen kriegerischen Auseinandersetzungen schwelt seit rund hundert Jahren. In einer Serie schildern wir seine Geschichte.

Der Mann war ein Phänomen. Auf ihn wurden Hoffnungen und Hassgefühle projiziert wie auf kaum einen anderen israelischen Politiker. Ministerpräsident Ariel Scharon war, was den politischen Ertrag angeht, weitgehend erfolg- und glücklos. In Umfragen und bei Wahlen stand er jedoch oft auf der Gewinnerseite.

Während seiner kurzen Amtszeit von 2001 bis 2006 versprach er den Israelis zu allererst Sicherheit und Frieden. Tatsache aber war, dass die israelische Bevölkerung wohl selten zuvor unter so großer Unsicherheit lebte und kaum jemals zuvor so viele Opfer durch Anschläge zu beklagen hatte. Scharon schaffte es lange nicht, die Gewalt einzudämmen.

Seinen Besuch im September 2000 auf dem Tempelberg in Jerusalem empfanden viele Palästinenser als Provokation, als Schändung ihrer Heiligtümer. Scharon war für sie jener verhasste israelische Politiker, der für die Massaker libanesischer Milizen an palästinensischen Flüchtlingen im Libanonkrieg 1982 sowie für den jüdischen Siedlungsbau in den besetzten Gebieten mitverantwortlich war.

Alle Teile der bisherigen Serie

PDF herunterladen

Scharons Anwesenheit auf dem Tempelberg nahmen vor allem jugendliche Palästinenser zum Anlass, gegen die Besatzung gewaltsam vorzugehen. Diese zweite Intifada gipfelte in einer langen Serie von palästinensischen Selbstmordanschlägen und israelischen Militäraktionen.

Der Ex-General Scharon, Spitzname Bulldozer, ignorierte lange Zeit die Diplomatie. Seine Strategie, angesichts des brutalen Terrors islamistischer Extremisten nicht mit den Palästinensern zu verhandeln, sondern auf Vergeltung zu setzen, trug dazu bei, den Teufelskreis der Gewalt in Gang zu halten. Anläufe zu einem echten Friedensprozess mit ihm auf der einen und seinem Erzfeind Jassir Arafat als palästinensischem Führer auf der anderen Seite hatten keine Chance.

Scharons Urteil über die Palästinenser und deren Führung, durch persönliche Erfahrungen als Soldat, Offizier und Verteidigungsminister in fünf israelisch-arabischen Kriegen gefestigt, stand fest: Die Araber wollen uns Juden hier nicht; und Arafat ist der Drahtzieher des Terrors.

Daraus leitete sich eine Grundhaltung Scharons ab: Die Juden müssen ihr Land, ihren Staat Israel, kompromisslos verteidigen. Das setzte Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit ebenso voraus wie das Prinzip vom Recht des Stärkeren, der mehrfach das Hauptquartier Arafats in Ramallah im Westjordanland von Panzereinheiten beschießen und belagern ließ.

Das letzte Licht im März 2002: Palästinenserpräsident Jassir Arafat in seinem von israelischen Truppen belagerten Hauptquartier in Ramallah. Die Stromleitungen waren offenbar gekappt worden.

Das Recht des Stärkeren zahlte sich für Scharon innenpolitisch meist aus: Einer Mehrheit der Israelis galt er lange Zeit als fähigster Wächter israelischer Interessen und Garant für einen wehrhaften Staat. Auch seine Entscheidung, eine Sicherheitsbarriere als antiterroristischen Schutzwall im Westjordanland bauen zu lassen, traf weitgehend auf Zustimmung.

Erst 2005 sank Scharons Stern, als er die jüdischen Siedlungen im Gazastreifen räumen ließ. Im wohlwollenden westlichen Ausland galt er deshalb plötzlich als wandlungs- und lernfähiger Mann des Friedens. Kritiker allerdings warfen ihm vor, nur seine Schwerpunkte zu verlagern: Statt weiter die jüdischen Siedler innerhalb des Gazastreifens von der Armee aufwändig und kostspielig beschützen zu lassen, habe er Gaza völlig abriegeln und die Siedlungen im Westjordanland massiv ausbauen lassen.

Scharon fiel Anfang 2006 nach einem Schlaganfall ins Koma. Auch unter seinen Nachfolgern im Amt des Regierungschefs, Ehud Olmert und Benjamin Netanjahu, blieben die Fronten im Nahen Osten verhärtet. Und die Palästinenser, deren rivalisierende Fraktionen Fatah und Hamas sich einen langen Bruderkampf lieferten, trugen wenig dazu bei, dass sich daran etwas änderte. Im Gegenteil.

Von Jörg S. Carl

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.