Interview mit Arbeitspsychologe

Erschöpfte Politiker im Bundestag: So geht es Abgeordneten aus der Region

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Erschöpft im Bundestag: Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, Kanzlerin Angela Merkel und Innenminster Thomas de Maizière.

Immer wieder werden Fälle bekannt, bei denen Politiker zum Stressabbau zu Alkohol und Drogen greifen. Wir sprachen dazu mit einem Experten.

Abrupter Karrierestopp: Polizeibeamte schnappten jetzt den Grünen-Bundestagsabgeordneten Volker Beck an einer Dealerwohnung in Berlin. Die Bildzeitung mutmaßte, es handele sich um Crystal Meth. Schon zwei Jahre zuvor war der Konsum dieser Droge vom SPD-Politiker Michael Hartmann öffentlich geworden. Sind Politiker besonders anfällig für Alkohol und Drogen? Darüber sprachen wir dem Arbeitspsychologen Oliver Sträter.

Herr Professor Sträter, dass Politiker Drogen nehmen, überrascht sie das? 

Oliver Sträter: Nein. Drogen sind quer durch alle gesellschaftlichen Schichten ein Thema. Das spiegelt sich auch im Bundestag wider.

In parlamentarischen Sitzungswochen haben Politiker oft 16-Stunden-Tage. Sind sie aufgrund des erhöhten Stresses deshalb besonders empfänglich für Rauschmittel? 

Sträter: Ob sie besonders empfänglich sind, darüber gibt es keine konkreten Statistiken. Nehmen wir aber einmal den Alkohol. In Deutschland sind 1,3 Millionen Menschen alkoholabhängig. Umgerechnet auf den Bundestag mit 630 Abgeordneten würde das ungefähr zehn Politiker ausmachen. Ich glaube, das kommt der Realität schon sehr nahe. Viel anfälliger als der Durchschnittsdeutsche sind Politiker also nicht. Und wenn, könnte der hohe Stress tatsächlich ein Grund sein.

Wie unterscheidet sich der Stress des Bundestagsabgeordneten von dem eines Fließbandarbeiters? 

Sträter: Physiologisch gibt es keine Unterschiede. Es werden dieselben Hormone ausgeschüttet, dieselben Emotionen hervorgerufen. Die großen Unterschiede liegen aber in der Tragweite der Fehlentscheidungen, die als Folge von Stress getroffen werden könnten. Wenn Politiker Fehler machen, haben die natürlich meist größere Auswirkungen als am Fließband. Damit wird die Stressverarbeitung intensiver.

Wie wirkt sich Stress auf Körper und Geist aus? 

Sträter: Wir unterscheiden allgemein zwischen positivem und negativem Stress. Wenn man zum Beispiel bei einem interessanten Projekt seine eigenen Ideen verwirklichen kann, mobilisiert der Körper Leistungsreserven und schüttet Botenstoffe aus, um ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen. Das ist positiver Stress.

Und negativer Stress? 

Sträter: Der tritt dann ein, wenn genau das Gegenteil passiert. Wenn man also bei einem Projekt Misserfolg erlebt. Das ist dann Stress, der für den Körper und die emotionale Stabilität problematisch ist. Man hat gesteigerten Blutdruck, Herzrasen oder gar schlaflose Nächte.

Inwieweit hängen Stress und Burnout zusammen? 

Sträter: Stress entsteht immer dann, wenn die persönlichen Absichten nicht im Einklang mit dem stehen, was gerade gefordert wird. Das kann Überforderung sein, aber auch Unterforderung. Entscheidend ist die Stressbalance. Wenn jemand einen beruflichen Erfolg nach dem nächsten feiert, also positiven Stress hat, und dann plötzlich eine Phase mit Misserfolgen durchlebt, kippen die freigesetzten Leistungsreserven schlagartig in körperliche Erschöpfung um. Ein Burnout ist somit letztendlich eine Folge des positiven Stresses.

Früher galt Burnout als Managerkrankheit, heute als Volkskrankheit. Was können Arbeitnehmer tun, um dem vorzubeugen? 

Sträter: Ein Patentrezept gibt es nicht, da jeder Mensch unterschiedlich mit Stress umgeht. Abwechslung kann aber grundsätzlich nicht schaden. Das kann ein Spaziergang, intensives Krafttraining oder ein Theaterbesuch sein.

Gewerkschafter werfen Arbeitgebern schon länger vor, nicht genug gegen den Stress ihrer Mitarbeiter zu tun. Wie sehen Sie das? 

Sträter: Stress und Burnout sind eng verknüpft mit psychischen Belastungen. Und die spielen leider eine immer größere Rolle. Fakt ist, dass inzwischen 15 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage darauf zurückzuführen sind. Deshalb ist es nicht nur aus gewerkschaftlicher, sondern auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht notwendig, sich ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen.

Was raten Sie Arbeitgebern? 

Sträter: Ich würde ihnen raten, eine offene und konstruktive Führungsphilosophie zu wählen, die dafür sorgt, dass ihre Arbeitnehmer erst gar nicht in übermäßig stressige Situationen kommen.

So gehen Abgeordnete aus der Region mit Stress um

Kritisiert die Politik der Bundesregierung: Michael Roth (SPD), Bundestagsabgerodneter für unsere Region und Staatsminister im Auswärtigem Amt.

Michael Roth (45) hat ein einfaches Rezept, um sein Arbeitspensum gesund durchzuhalten: „Ausreichend schlafen, eine halbwegs vernünftige Ernährung und wenig Alkohol“, sagt der Staatsminister im Auswärtigen Amt. Als Ausgleich geht Roth unter der Woche ins Fitnessstudio. Am Wochenende unternimmt er gerne einen langen Lauf „durch Feld und Wald“.

Michael Roth (SPD) sitzt seit 1998 im Bundestag. Sein Wahlkreis: Werra-Meißner-Hersfeld-Rotenburg.

Nicole Maisch hätte nie erwartet, dass ihr Parteikollege Volker Beck zu Drogen greifen würde. Sie habe keine Veränderung bei ihm festgestellt. Die Arbeitsbelastung eines Abgeordneten sei überdurchschnittlich, sagt die 34-Jährige. „Für mich ist der Stress aber zumutbar.“ Der Bundestag sei mit Blick auf Drogen und Alkohol ein Spiegel der Gesellschaft. „Einer macht Yoga, der andere trinkt ein Bier.“

Nicole Maisch (Grüne) sitzt seit 2007 im Bundestag. Wahlkreis: Kassel.

Stress bestimmt auch den Alltag von Jutta Krellmann. Um abends zu entspannen, fährt die 60-Jährige Rad und geht gern spazieren. „Ich habe einen Schrittzähler und möchte 10 000 Schritte täglich machen“, sagt die Obfrau der Linken im Ausschuss Arbeit und Soziales. „Um nicht alleine durch Berlin zu gehen, habe ich immer einen virtuellen Hund dabei, mit dem ich in Gedanken Gassi gehe.“

Jutta Krellmann (Linke), seit 2009 im Bundestag. Wahlkreis: Hameln-Pyrmont-Holzminden.

Mit dem Druck könne er umgehen, sagt Thomas Viesehon. „Schließlich habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht.“ Zudem stehe er noch nicht so im Fokus wie andere Politiker. Der 42-Jährige hält es für wichtig, abseits der Politik einen zweiten Lebensraum zu haben: Familie und die Heimat. Am Ende helfe gegen Erschöpfung nur Schlaf. „Für Drogen gibt es keine Entschuldigung.“

Thomas Viesehon (CDU) sitzt seit 2013 im Bundestag. Sein Wahlkreis: Waldeck.

Volker Beck kenne sie als souveränen Kollegen, sagt Ulrike Gottschalck. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass er ungefestigt ist“. Die 60-Jährige setzt im Alltagsstress auf die Familie. „Dadurch bin ich gefestigt.“ Natürlich kenne sie auch Kollegen, die in Berlin die Nacht zum Tag machten – das sei aber wie überall in der Gesellschaft. Eine besondere Anfälligkeit für Drogen sieht sie bei Politikern nicht.

Ulrike Gottschalck (SPD) sitzt seit 2009 im Bundestag. Ihr Wahlkreis: Kassel.

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