Franke: „Wir müssen Hausärzte stärken“

Gesundheitsausschuss-Chef will Modellversuch zum Krankmelden ohne Schein

Fünf statt drei Tage krank ohne Krankschreibung? Diesen Vorschlag machten Mediziner. Dr. Edgar Franke, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses, plädiert im HNA-Interview für einen Modellversuch.

Herr Franke, fünf Tage krank sein ohne Krankenschein klingt eigentlich ganz gut. Was halten Sie davon?

Dr. Edgar Franke: Der Vorschlag sieht vielleicht auf den ersten Blick recht gut aus. Der Arzt hätte mehr Zeit für den Patienten. Der Zwang, wegen eines gelben Scheines den Arzt aufzusuchen, entfiele. Das Problem ist aber, dass sich hinter Bagatellbeschwerden ernsthafte Krankheiten verstecken können. Wenn man erst nach einer Woche zum Arzt geht, würden die dann zu spät erkannt und behandelt werden.

Praxen von Hausärzten würden mit diesem Vorschlag entlastet. Stimmen Sie dem zu? 

Franke: Das kann, muss aber nicht sein. Ich rate dringend, den Vorschlag als Modellversuch zu testen. Zukünftig plant die Koalition einen Innovationsfonds, der Mittel für solche Projekte zur Förderung der Versorgungsqualität und Effizienz bereitstellen soll. Wenn die Bedenken, dass Erkrankungen zu spät erkannt werden, sich nicht bewahrheiten, kann man über gesetzliche Änderungen nachdenken. Aber jetzt sollte man das noch nicht machen. Ich glaube im Übrigen auch nicht, dass die fünf Minuten, die es dauert, sich einen gelben Schein ausstellen zu lassen, das eigentliche Problem sind.

Wie könnte solch ein Modellversuch aussehen

Franke: In gewissen Praxen oder Regionen ist ein Modellversuch über einen gewissen Zeitraum durchaus sinnvoll. Das Beispiel Norwegen wird immer gerne genannt, dort gibt es die Regelung mit den fünf Tagen, die man ohne Schein krank sein darf. Dort ist aber die ärztliche Versorgung eine andere.

Führen die geltenden Regeln auch zu unnötigen Arztbesuchen? 

Franke: Die geltenden Regeln der Krankschreibung haben sich grundsätzlich bewährt. Viele Mediziner haben sich dazu geäußert und gesagt, es gebe Erkrankungen, die der Patient selbst nicht einschätzen kann. Früh zum Arzt gehen liegt dann im Interesse der Patienten. Und mit Blick auf mögliche Komplikationen und Folgekosten selbstverständlich auch im Interesse aller Versicherten.

Sie sind Vorsitzender des Gesundheitsausschusses. Haben Sie schon über den Vorschlag beraten? 

Franke: Bisher noch nicht. Die Bundesregierung hat gesagt, sie will die Regelung nicht ändern. Selbstverständlich werden wir uns mit den Ergebnissen eines möglichen Modellversuchs auseinandersetzen und gegebenenfalls Änderungen in Betracht ziehen.

Was für Schwierigkeiten sehen Sie dabei für die Arbeitgeber? 

Franke: Sie haben Angst, dass die Hemmschwelle der Arbeitnehmer niedriger sein könnte, einfach mal eine Woche daheim zu bleiben. Wenn man sich die jetzigen Krankheits- und Fehlzeiten anschaut, stellt das aber kein großes Problem dar. Es wird immer Menschen geben, die versuchen, das zu missbrauchen. Wie hoch diese Quote sein könnte, muss der Modellversuch ergeben.

In Deutschland gehen die Menschen 17-mal im Jahr zum Arzt, Norweger nur fünfmal. Was kann man tun, um diese Zahl bei uns zu senken? 

Franke: Das norwegische Gesundheitssystem bietet keinen geeigneten Vergleich, da die räumlichen Entfernungen ganz anders sind als in Deutschland. Nicht selten werden in Deutschland Patienten quartalsweise bestellt, vor allem um die Behandlung auch quartalsweise abrechnen zu können. Allerdings brauchen chronisch Kranke den intensiven Arzt-Patienten-Kontakt. Viele Menschen gehen viel zu früh zu einem Facharzt. Wir müssen den Hausarzt und die sprechende Medizin weiter stärken. Das muss auch in den Köpfen der Menschen ankommen. Mit einer Bronchitis muss man nicht zum Facharzt gehen.

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