HNA-Interview

Diplomat Wassilij Smirnow über Putins Russland und die deutsche Einheit

+
Behandlung in der Vitos Orthopädische Klinik Kassel: Wassilij Smirnow (rechts), russischer Spitzendiplomat lässt sich vom Ärztlichen Direktor der Klinik. Prof. Dr. Werner Siebert (links) am Knie operieren. Die HNA sprach mit Smirnow über die Wege zur deutschen Einheit und über das heutige Russland.

Kassel. Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg, Wiedervereinigung – kaum etwas ist politisch bewegender und sensibler als das Verhältnis von Deutschland und Russland. Einer, der an entscheidender Stelle an der Annäherung und Aussöhnung beider Länder mirgewirkt hat, ist Wassilij Smirnow.

Der 71-Jährige war im hohen diplomatischen Dienst der Sowjetunion und Russlands tätig, unter anderem als Generalkonsul in Leipzig. Wir sprachen mit ihm über Russland, die deutsch-russischen Beziehungen und die Wiedervereinigung.

Welcher deutscher Politiker hat sie am meisten beeindruckt, mit wem haben Sie am liebsten verhandelt?

Smirnow: Es waren alles sehr angenehme und fähige Verhandlungspartner mit enormem Wissen. In besonderer Erinnerung ist mir Egon Bahr. Und: Leider weilt Willy Brandt nicht mehr unter uns.

Für die Deutschen ist Michail Gorbatschow der Wegbereiter der Einheit und der Überwinder des Kalten Krieges gewesen. Warum hat er auch heute noch so wenig Ansehen in Russland?

Wegbereiter der deutschen Einheit: Kanzler Helmut Kohl (links) und der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow im Juli 1990 bei einem Treffen im Kaukasus. Archivfotos: dpa

Smirnow : Das Erreichen des Zwei-plus-Vier-Vertrages in so kurzer Zeit zur Herstellung der Deutschen Einheit war eine große historische Leistung. Gorbatschow hat auf Veränderung gedrängt, aus zwei deutschen Staaten sollte einer werden. Das ist in der russischen Bevölkerung positiv aufgenommen worden. Hinzu kam, dass sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und Gorbatschow nahe standen, sie mochten sich. Doch später haben Politologen begonnen aufzurechnen: Wer ist Gewinner und Verlierer dieses historischen Prozesses gewesen? Und viele Stimmen fragten plötzlich: Wo ist die Sowjetunion geblieben? In Russland hat sich dann die öffentliche Meinung manifestiert, dass Gorbatschow die Sowjetunion hat zerfallen lassen, sie ist sozusagen den Bach runtergegangen.

Wie bewerten sie das heutige deutsch-russische Verhältnis?

Smirnow: Es ist das beste Verhältnis aller Zeiten. Die politische Zusammenarbeit ist sehr gut. Und die wirtschaftliche Kooperation geht weiter steil nach oben, vor allem im Bereich der Energiewirtschaft.

Die deutsche Öffentlichkeit hat aber inzwischen den Eindruck gewonnen, Russlands Präsident Wladimir Putin stellt die oppositionellen Bewegungen kalt, indem er Demonstrationen verbieten lässt und politisch motivierte Prozesse gegen Regierungsgegner anstrengt.

Smirnow: Mir ist bekannt, dass das auch so gesehen wird. Aber es gibt in Russland keine politischen Prozesse. Und was die Opposition angeht: Sie fordert immer nur, die jetzige russische Regierung müsse weg. Aber sie bietet keine Alternativen an, wenn sie gefragt wird: Was kommt danach? Ein eigenes politisches Programm der Opposition fehlt völlig. Entweder hat sie keines oder sie ist nicht in der Lage, es den Menschen verständlich zu machen. Bei den letzten Wahlen hat sich jedenfalls gezeigt, dass die Opposition keine Rolle spielt. In diesem November haben wir in Russland wieder etliche Kommunalwahlen. Dann werden wir wieder sehen, wie die Opposition abschneidet. Auch russische Demokratie heißt „Wählen gehen“.

Auch in der Außenpolitik sind Putins Grundsätze nicht immer klar zu erkennen. Warum lässt er beispielsweise das Assad-Regime in Syrien gewähren?

Smirnow: Es gibt den Standpunkt, Waffen an die Opposition in Syrien zu liefern. Aber es ist nicht klar, wer die Opposition eigentlich ist. Es sind längst nicht alles Syrer, dort kämpfen Islamisten und Söldner aus vielen Ländern. Libyen ist da ein abschreckendes Beispiel. Nach dem Sturz Gaddafis wurden die dorthin gelieferten Waffen unkontrolliert verbreitet. Sie tauchten plötzlich überall auf, etwa in Mali und Somalia, überall wurde damit gekämpft. Diese unkontrollierte Verbreitung droht auch in Syrien. Deshalb ist Russland gegen Waffenlieferungen an die Opposition. Putin hat mit den USA zu einer großen Syrienkonferenz eingeladen, um zu einer politischen Lösung zu kommen. Es braucht dazu den guten Willen von allen S.eiten.

Von Jörg S. Carl

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.