Interview

Vizechef der Gewerkschaft der Polizei fordert Verbesserungen an Flughäfen

Berlin. Die Entführung eines ägyptischen Passagierflugzeugs mit 55 Passagieren an Bord ist am Dienstag unblutig in der Hafentadt Larnaka auf Zypern zu Ende gegangen.

Der aus Ägypten stammende Täter ergab sich. Nach Angaben des zyprischen Außenministers Ioannis Kassoulidis trug der Täter die Attrappe eines Sprengstoffgürtels. Doch wie sicher sind deutsche Flughäfen? Jörg Radek, stellvertretender Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), fordert eine Neuordnung des Sicherheitssystems an deutschen Airports.

Was können die Sicherheitskontrollen an Flughäfen leisten? Wäre es möglich, einen Sprengstoffgürtel an Bord der Maschine zu schmuggeln?

Jörg Radek: Wir müssen uns von der Illusion befreien, dass es einen hundertprozentigen Schutz gibt. Die Sicherheit am Flughafen und im Flugzeug sind zwei Aufgabengebiete, die unterschiedlich organisiert sind. In Ägypten gibt es dort offenbar Sicherheitslücken. Wir versuchen, das in Deutschland auszuschließen, haben aber noch Verbesserungsbedarf.

Was muss besser werden?

Jörg Radek

Radek: Die Bundespolizei ist für die Kontrolle der Passagiere und das Gepäck und für die Sicherheit des Flughafengeländes zuständig. Über die Zuständigkeit der Frachtkontrolle zwischen Bundespolizei und Zoll wurde noch nicht entschieden. Aber die Fluggastkontrolle liegt seit 1992 in der Hand privater Sicherheitsfirmen. Die Bundespolizei vergibt zwar die Aufträge, hat aber keinen Einfluss auf die Auswahl der Mitarbeiter, auf Aus- und Weiterbildung oder auf den Personaleinsatz. Ein Polizeibeamter kann dem Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes auch keine Anweisung geben. Wir brauchen deshalb eine Neuordnung der Sicherheit an deutschen Flughäfen.

Arbeiten private Sicherheitsfirmen nach Einschätzung der Polizei unzuverlässig?

Radek: Die Einstellungsvoraussetzungen im privaten Sicherheitsgewerbe sind nicht so streng wie die Eignungsprüfung der Polizei. Zudem sieht die Polizei Sicherheit als ein Gesamtgefüge. Da sind unsere Standards höher als bei privaten Unternehmen.

Müssen mehr Möglichkeiten geschaffen werden, um potenzielle Attentäter schon zu erkennen, bevor sie den Flughafen betreten?

Radek: Die Frage ist: Wieviel Sicherheit verträgt Freiheit. Die Israelis zum Beispiel arbeiten weniger mit Technik, sondern konzentrieren sich auf die Menschen. Sie überprüfen Passagiere danach, ob sie in Täterprofile passen.

Erkennt der Scanner am Flughafen überhaupt zuverlässig Sprengstoff oder Waffen?

Radek: Die normale Kontrolle, bei der Flugreisende durch eine Torsonde gehen, die auf Metall reagiert, ist schon sehr zuverlässig. Das gleiche gilt für Gepäckkontrollen. Sie durchdringen auch sehr vielschichtiges Material. Der Faktor Mensch mit seiner Zuverlässigkeit ist das Problem. Seine Integrität ist wichtig, Durch häufige Fluktuation kann die nicht gegeben sein. Private Sicherheit bleibt ein Fremdkörper in dem Gesamtgebilde von Luft- und Flughafensicherheit.

Aber sind die Sicherheitsprobleme allein damit gelöst, dass die Fluggastkontrolle zurück zur Bundespolizei wandert?

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Radek: Das wäre ein erster Baustein. Aber wir müssen die gesetzlichen Aufgaben an den Flughäfen im Ganzen analysieren. Zur Zeit stellen wir das Sicherheitsgefühl dadurch her, dass die Bundespolizei ihre Kräfte an den Flughäfen konzentriert. Kollegen pendeln sogar aus der Uckermark an den Flughafen Frankfurt/Main. Dafür wird die Bundespolizei an den Bahnhöfen erheblich ausgedünnt. Wir plädieren dafür, die Aufgaben von der Passagier- und Gepäckkontrolle bis zur Überprüfung der Bordkarten in einer Anstalt des öffentlichen Rechts zu bündeln und dann die Abläufe zu optimieren.

Können die Flughäfen Zeitverzögerungen durch strengere Kontrollen verkraften?

Radek: Das ist ein Hauptgrund für die Probleme. Flughäfen haben kein Interesse daran, dass die Flugzeuge lange am Boden bleiben. Man muss deshalb schon bei der Inbetriebnahme des Flughafens darauf achten, wie die Sicherheitsaufgaben verzahnt sind.

Zur Person: Jörg Radek (56) ist Hauptkommissar und seit 2010 stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und seit 2014 Chef des GdP-Bezirks Bundespolizei. Seine berufliche Laufbahn begann 1978. Jörg Radek ist verheiratet und hat zwei erwachsende Kinder. Er lebt in der Nähe von Wolfsburg. Die Gewerkschaft der Polizei mit Sitz in Berlin hat nach eigenen Angaben mehr als 177 000 Mitglieder.

Rubriklistenbild: © dpa

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