Verbrecher bekommen ein Gesicht

Sie ist Hessens einzige Phantombildzeichnerin

+
An ihrem Arbeitsplatz: Am Computer erstellt Liane Bellmann (54) aufgrund von Zeugenaussagen Phantombilder. Unser Foto zeigt ein Standardgesicht, das die Phantombildzeichnerin je nach Beschreibung anpasst.

Wiesbaden. 20 000 Kilometer legt Liane Bellmann jährlich zurück, um von Wiesbaden aus quer durch Hessen zu fahren. Denn sie ist Hessens einzige hauptamtliche Phantombildzeichnerin.

In Hessen wird diese Arbeit zentral von Wiesbaden aus koordiniert. Deshalb gibt es in den örtlichen Dienststellen keine eigenen Phantombildzeichner.

Bis zu 180 Phantombilder werden im Jahr landesweit gefertigt. Zwischen ein und drei Stunden dauere es im Schnitt, bis eines fertig sei. „Das hängt davon ab, wie gut sich die Zeugen noch an das Gesicht des Gesuchten erinnern. Je besser sie das tun und je mehr Auffälligkeiten es gibt, wie zum Beispiel Narben, desto länger dauert es“, erklärt Bellmann.

Zeuge ist der Schlüssel zum Phantombild

Doch das Bild ist für sie eigentlich nur ein „Nebenprodukt“. Der 54-Jährigen geht es vor allem um die Menschen, die Opfer oder Zeugen einer Straftat geworden sind. „Ich suche immer erst den Kontakt zu ihnen, frage, wie es ihnen geht und versuche, ein gutes Klima zu erzeugen“, berichtet sie. „Das ist wichtig, weil ich nur diesen einen Moment habe und der Zeuge der Schlüssel zum Bild ist“. Für diesen Moment ist sie psychologisch geschult.

Erst wenn die Atmosphäre stimmt, lässt sie sich das Gesicht des Täters beschreiben. Dabei muss sie behutsam vorgehen, um die Betroffenen nicht erneut zu traumatisieren. „Ich muss sie schließlich an das Aussehen einer Person erinnern, die sie am liebsten gar nicht mehr sehen wollen“, sagt sie. Außerdem stünden die Menschen oft unter Druck, entweder aus Angst ob ihrer Erlebnisse oder aus Sorge, den Verdächtigen nicht ausreichend gut beschreiben zu können.

Danach setzt sie sich an ihr Grafiktablet und fängt an, das Gesicht zu rekonstruieren. Zunächst zeigt der Bildschirm ein dreidimensionales Gesicht, ein durchschnittliches, mit wenig Abweichungen. Das kann Bellmann dann schrittweise anpassen. Mit einem Klick macht sie es breiter oder schmaler, männlicher oder weiblicher, die Nase länger oder kürzer und die Haut heller oder dunkler.

Auch die Perspektive kann die Phantombildzeichnerin anpassen, je nachdem von wo aus der Zeuge die Person gesehen hat. Sie kann den Lichteinfall simulieren und entsprechende Schatten auf das Gesicht werfen. Klingt nebensächlich, verändert das Gesicht auf dem Bildschirm aber enorm. Besonders in Erinnerungen bleiben den Zeugen ihrer Erfahrung nach die Augen des Gesuchten, die Art seines Blickes – wütend, böse, hämisch.

Bellmann arbeitet so lange mit dem Zeugen, bis er mit dem Aussehen des Täterabbildes zufrieden ist beziehungsweise er keine weiteren Darstellungsinformationen hat. „Am Ende entsteht ein Typbild, kein Foto“, betont sie. Dennoch lässt sich anhand dessen eine Person relativ gut identifizieren, vor allem, wenn es Auffälligkeiten gibt. 20 bis 30 Prozent der Bilder führen zu einem Fahndungserfolg, berichtet Bellmann.

Wichtig ist ihr aber auch, dass die Zeugen nach dem Termin mit ihr oftmals ein wenig beruhigter nach Hause gehen. „Manchmal, weil sie erleichtert sind, das Bild des Verdächtigen jetzt bei mir „abgegeben“ zu haben, aber auch, weil sie aktiv bei den Ermittlungen helfen konnten. Das hilft gegen die oftmals von den Opfern empfundene Ohnmacht“.

Phantombild zeichnen: Keine herkömmliche Ausbildung

Zum Einsatz kommt die Phantombildzeichnerin Liane Bellmann nur bei schwereren Verbrechen wie Vergewaltigungen oder Raub, aber auch bei Serienstraftaten, beispielsweise bei Serien-Einbrüchen. Bei anderen leichteren Straftaten werden in Hessen keine Phantombilder angefertigt. „Das wäre ansonsten ein zu viel an Phantombildern für die Öffentlichkeit. So bleiben sie etwas Besonderes und ziehen die Aufmerksamkeit der Leute auf sich“, erklärt die 54-Jährige.

Seit 2003 macht die ausgebildete Justizangestellte diesen Job. Zum Landeskriminalamt kam sie bereits im Jahr 1982. 2002 wurde dann die Stelle eines Phantombildzeichners ausgeschrieben. „Da gingen bei mir alle Lampen an“, erinnert sie sich. Als Kind habe sie gerne gezeichnet, das Hobby in ihrer Jugend aber aus den Augen verloren.

Als sie das Jobangebot sah, war alles wieder da. Sie bewarb sich, bekam die Stelle und baute diesen Fachbereich neu auf. Denn seit Anfang der 1990er-Jahre, nachdem Bellmanns Vorgänger in Ruhestand gegangen war, hatte das LKA Hessen keinen Phantombildzeichner mehr gehabt. Die Aufgabe hatte das Bundeskriminalamt vertretungsweise für Hessen übernommen.

Zusatzqualifikation: Phantombildzeichnerin Liane Bellmann kann auch Schädel rekonstruieren. Das hat sie bei einer Schulung der US-Bundespolizei FBI in Quantico, Virginia, gelernt.

Bellmann bildete sich fort – eine offizielle Ausbildung im herkömmlichen Sinne für Phantombildzeichner gibt es in Deutschland nicht. Deswegen nahm sie 2004 an einer Schulung der US-Bundespolizei FBI in Quantico, Virginia, teil. Dort lernte sie neben der Phantombilderstellung auch, Gesichter optisch altern zu lassen (Fachbegriff: Aging) und wie man einem vorhandenen Schädel wieder ein Gesicht gibt (Gesichtsweichteilrekonstruktion).

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.