Kampf um Strafe und Wiedergutmachung

Giftflut aus Deponie: Schlammkatastrophe in Ungarn jährt sich zum ersten Mal

Spuren im Rotschlamm: Planierraupen schieben kurz nach dem Deponie-Dammbruch im Oktober 2010 ein Feld ab. Fotos: dpa/ap

Kolontar / Ajka. Zwei Meter hoch, rostrot und giftig: So verschlang vor einem Jahr die Schlammlawine aus einer geborstenen Industriedeponie die Dörfer Devecser, Kolontar und Somlovasarhely nahe der westungarischen Stadt Ajka. Zehn Menschen starben, darunter zwei Kleinkinder.

Über 150 Menschen wurden verletzt. Einige erlitten schwere Verätzungen - verursacht von der laugen- und schwermetallhaltigen Brühe, die bei der Aluminiumgewinnung übrigbleibt. Ungarns Umweltbehörden warnten damals vor „schwach radioaktiven und krebserregenden Stoffen“.

Chronologie der Ereignisse in der deutschsprachigen Zeitung "Pester Lloyd"

Während die Regierung direkt nach der Flut vom 4. Oktober 2010 „härteste Strafen“ für die MAL-Manager forderte, ermittelt ein Jahr später immer noch der Staatsanwalt. Von einem Gerichtsurteil, falls es die Chefs der Aluminiumhütte strafrechtlich in die Verantwortung nimmt, erhoffen die Rotschlammopfer Schützenhilfe für Schadenersatzprozesse. 370 Euro Soforthilfe, die MAL Betroffenen gewährte, muteten angesichts der Schäden wie Spott an. Von 363 Gebäuden, die im Schlamm standen, mussten 306 abgerissen werden. Zwar ist kaum einer derjenigen, die durch die rote Brühe wateten, noch obdachlos: Neue Häuser wurden gebaut, 125 Familien zogen mit staatlicher Hilfe in die Umgebung.

Der rote Teppich, der auf 40 Quadratkilometern auch 800 Hektar Ackerland, dazu Fischteiche und Bäche verseuchte, ist verblichen - wegplaniert und umgepflügt. Viele Überlebende leiden aber an Gesundheitsbeschwerden, verätzten Gliedmaßen, verätzten Lungen: Direkt nach der Flut hatten sie mit bloßen Händen aufzuräumen versucht.

Die Menschen zögen weg, sagt Kolontars Bürgermeister Karoly Tili, wenn sie es denn könnten. Die meisten müssen aber bleiben: Ihr Arbeitsplatz ist die Aluminiumhütte, eine neue Existenz aufzubauen, haben sie nicht die Mittel. Noch gibt es Arbeit bei MAL – auch Ungarn leidet unter der Wirtschaftskrise. Die Unglücksfabrik nahm zwei Wochen nach der Flut den Betrieb wieder auf - zunächst unter einem Staatskomissar: 1200 Menschen arbeiten bei MAL, mit Zulieferbetrieben bietet das Werk 6000 Jobs.

Nur für die betroffenen Haushalte wurde der Sachschaden auf eine Milliarde Forint (etwa 3,4 Mio. Euro) beziffert. Weitere 1,8 Milliarden Forint Schaden gaben lokale Unternehmen an. Die Regierung in Budapest hat nach eigenen Angaben 20 bis 25 Milliarden Forint (68 bis 85 Mio. Euro) für die Säuberung des Geländes ausgegeben und sagt, diese sei nun abgeschlossen.

In ihrem neuen Heim in Ajka sehnt Aniko Csaszar (68) aus Devecser sich unterdessen nach dem alten Zuhause. „Das Herz schmerzt noch überall“, sagte sie der Internet-Zeitung origo.hu, „38 Jahre lang habe ich dort gewohnt, dort habe ich sogar im Dunkeln immer meine Schere gefunden“.

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