Zuschusstopf für Sanierung

Giftschutt in den Dörfern: Belasteter A7-Aushub auch auf 70 Privatgrundstücken

bockenem. Erst günstig angefahren und vor die Garage gekippt, dann als giftige Altlast entlarvt, die teuer entsorgt werden muss: Entlang der A7 zwischen Bockenem und Dreieck Salzgitter blickt mancher Hausbesitzer frustriert Richtung Autobahn.

Dort werden ratenweise giftiger Asphaltbruch und Teersand abgebaggert. Beides war beim sechsspurigen Ausbau 2011 bis 2014 gleich an der Baustelle und nach Behördenangaben vertragswidrig recycelt worden. Derzeit sind Randstreifen und Böschungen in der Sanierung.

Weiter ab von der A7 droht ein ähnlich dickes Ende: Nach langen Verhandlungen hat der Landkreis Hildesheim jetzt einen Geldtopf parat, der Folgen des Autobahn-Desasters in Anliegerkommunen lindern soll. Der mit Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) belastete Schutt aus der alten A7-Decke liegt im südlichen Landkreis Hildesheim nämlich auch vor privaten Garagen, unter Terrassen und sonstwo als Unterbau auf Privatgrundstücken. Und zwar mit Konzentrationen des krebserregendem PAK-Giftes, die auch hier Entfernung und Entsorgung zwingend machen. Helfried Basse, Umweltdezernent beim Landkreis Hildesheim, geht von 70 Betroffenen aus.

Bei Lkw-Lieferungen von der A7 lief offenbar vieles schwarz und ohne Rechnung. Auf den Kosten bleiben private Asphaltbruch-Nutzer aber nicht komplett sitzen. Land Niedersachsen und A7-Straßenbaufirmen sollen einen Sanierungsfonds mit 1,5 Mio. Euro gefüllt haben. Basse bestätigt die Zahl nicht, dementiert sie aber ebenso wenig.

Ausbau und Entsorgung

Der Landkreis zahle aus dem Geldtopf unumgängliche Maßnahmen der Gefahrenabwehr: „Ausbau des Materials und ordnungsgemäße Entsorgung“, so Basse auf Anfrage. Der Rest, sprich ein Neuaufbau von Einfahrten oder Terrassen ohne Teergift, bleibe Sache der Hauseigentümer.

Auch strafrechtliche Konsequenzen könnten drohen: Neben Mitarbeitern der Baufirmen sowie der niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr nahm die Staatsanwaltschaft Hildesheim nach Auffliegen des Autobahn-Pfuschs auch Privatleute ins Visier. Es gehe um den Verdacht der Bodenverunreinigung sowie der „unerlaubten Entsorgung von Abfällen“, zitierte die Hildesheimer Allgemeine Zeitung im Februar 2016. Die Anklagebehörde damals weiter: „Wir werden in jedem Einzelfall bewerten, wie stark die Eigentümer verantwortlich zu machen sind.“ Die Ermittlungen laufen noch, ob die privaten Altasphalt-Verwender raus sind, war wegen Krankheit des Staatsanwalts nicht zu klären.

Kostenstreit

Der Zank um die Sanierungskosten für die zwölf A7-Kilometer zwischen Bockenem und Dreieck Salzgitter liegt beim Landgericht Hannover. Streitwert: zehn Millionen Euro. Die Baufirmen fordern zunächst sechs Millionen vom Bund. Der komplexe Fall wird Gutachter beschäftigen. „Ein Termin dürfte kurzfristig nicht zu erwarten sein“, so das Gericht auf Anfrage.

In den 1950ern eingebaut - inzwischen längst verboten

• Unter dem Straßenaufbau der A 7 zwischen Bockenem und Dreieck Salzgitter lag laut Landesbehörde für Straßenbau „eine in den 1950er-Jahren - entsprechend den damals anerkannten Regeln der Technik - eingebrachte Teersandschicht mit hohen PAK-Gehalten. Darüber lagen mehrere Schichten an Betonfahrbahnen mit stellenweise ebenfalls belasteten Asphaltschichten“. PAK fanden sich in Randstreifen, Regenrückhaltebecken, im Mittelstreifen, auf Ackerflächen. Akute Gesundheitsgefahren sah Hannovers Umweltministerium 2015 nicht, Sanierungsbedarf schon.

• PAK stecken unter anderem in Tabakrauch, in Kohle und Erdöl. Die Verwendung von Steinkohleteer im Straßenbau und als Dachpappe ist seit 1970 verboten. Mit Steinkohleteer behandelte Produkte, etwa teergebundener Asphalt aus der Zeit vor 1970 oder Teerimprägnierungen, enthalten viel PAK. Schlagzeilen machten die krebserregenden Verbindungen als Bestandteil von bis Ende der 1960er benutzten Parkettklebern. 

Mehr Infos zu PAK in diesem Dokument des Umweltbundesamtes.

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