Riesen-Lastwagen

Gigaliner kommen kaum voran

Lang-Lkw im baden-württembergischen Esslingen: Ein gutes Jahr nach dem Feldversuchstart sind erst 37 Fahrzeuge zur Teilnahme gemeldet. Foto: Allianz pro Schiene/Kraufmann

Kassel. Wer sich lange genug an die A 7 stellt, sieht vielleicht einen: Ein gutes Jahr nach Start des bundesweiten Tests fahren gerade mal 37 der extralangen Lkw, besser als Gigaliner bekannt.

Acht Speditionen aus Niedersachsen setzen 14 der 25-Meter-Gespanne ein, für Hessen melden Behörden: Lang-Lkw? Fehlanzeige!

400 Testlastzüge wünscht sich Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Beim aktuellen Schneckentempo dauert das noch zehn Jahre. Das Branchenblatt Verkehrsrundschau meldete im Herbst schon „gewissen Unmut“ aus Berlin. Und zitierte Ramsauers Staatssekretär mit dem dringenden Wunsch an große Spediteure, „dass das jetzt auch mal angeschafft wird“.

Kühlschränke von Bosch und Siemens, Kunststoffteile von VW, Altglas in Bayern - all das wurde oder wird auf Lang-Lkw verladen. Gerade ist Tchibo zugestiegen. Doch das Gros der Branche hält sich zurück.

VW nutzt die Lang-Lkw zwischen Wolfsburg, Braunschweig und Salzgitter. Das Werk Kassel in Baunatal, wo sogar ein Kreisverkehr gigaliner-tauglich gebaut wurde, hat keinen Bedarf: Dort ist die Fracht so schwer, dass nicht mal das Ladevolumen normaler Lkw voll ausgenutzt werden kann. Die in Kassel und Göttingen ansässige Spedition Zufall plante mit einem Partner eine tägliche Lang-Lkw-Fahrt Hannover-Fulda und zurück. Vor Ort genehmigt, so gestern ein Sprecher verärgert, vom Bund noch nicht: „Wir wissen nicht, warum.“

Sinn oder Unsinn der Gespanne - bei Kritikern auch als Monstertrucks in Verruf - bleiben umstritten. Mehr Ladung mit weniger Fahrten, sagen Unterstützer, das spart Sprit, Abgas und Personal. „Gefährlich, teuer, umweltschädlich“ nennen hingegen Gegner der Allianz pro Schiene die Gigaliner, vor allem weil sie der Bahn weiter Fracht entzögen.

Auch politisch spaltet Ramsauers Testlauf: Auf Autobahnen kommen die Lang-Lkw einigermaßen voran. Ganz tabu bleiben aber NRW, Rheinland-Pfalz, große Teile Baden-Württembergs und des Ostens. Nur ein paar Bundesländer lassen die Gespanne auch auf Straßen abseits der Autobahnen. Zu Lagern oder Fabriken kommen sie über metergenau festgelegte Routen nur in Hessen, Niedersachsen, Bayern, Sachsen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen.

Schleswig-Holstein ging nach dem Regierungswechsel mit Rot-Grün-SSW auf Gegenkurs und zieht nun mit Baden-Württemberg sowie Bremen gegen den Test vors Bundesverfassungsgericht. Rot-Grün in Niedersachsen lässt keine neuen Strecken mehr zu.

Ein Routennetz mit riesigen Löchern, Gegenwind aus immer mehr Ländern, Ärger, der aus Karlsruhe droht: Das dämpft die Lust des Logistikgewerbes, groß in Lang-Lkw zu investieren. Kleinere Speditionen, heißt es in der Branche, könnten sich die Aufrüstung sowieso nicht leisten.

Länger als andere Gespanne, aber nicht schwerer

• Lang-Lkw dürfen gut sieben Meter länger sein als herkömmliche Lkw, aber wie diese nur 40 Tonnen schwer. Kritiker verweisen darauf, dass die Handels- und Speditionslobby noch längere Gespanne fordert und eine Gewichtsobergrenze von 60 Tonnen.

• Allein dafür, warnt die Bahnlobby Allianz pro Schiene, müssten Deutschlands marode Brücken für elf Milliarden Euro nachgerüstet werden.

• Was Gigaliner taugen, an Sprit und CO2 sparen, wie sie Straßen belasten, was ihre Unfälle an Folgen nach sich ziehen, ob andere Autos die Gespanne überhaupt mit vertretbarem Risiko überholen können - solche Fragen soll der fünf Jahre laufende Feldversuch klären. www.bast.de

Von Wolfgang Riek

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