Zentrum des Nahost-Konflikts

Der Golan steht vor ungemütlichen Zeiten - eine Reportage

Blick auf südliche Ausläufer des Golan: Ein israelischer Militärposten am Südrand des Sees von Genezareth aus der Zeit des Sechs-Tage-Krieges.

An der Pufferzone zwischen Israel und Syrien herrschte jahrzehntelang Ruhe. Nun wird immer öfter geschossen. Unser Redakteur Tibor Pézsa schaute sich auf den Golanhöhen um, die wieder in das Zentrum des Nahost-Konflikts rücken könnten.

Wie zeigt ein kluger Regisseur das Böse? Er lässt irgendwen durchs Bild laufen, der nur eins will: weg. Hier, in 1200 Meter Höhe an der israelisch-syrischen Grenze bei Kuneitra erfüllt diese Rolle Vizeleutnant Erich Weiss vom österreichischen Bundesheer.

Der freundliche Mann mit dem blauen Barett ist Chef der Militärpolizei jenes UN-Kontingents, das hier seit 1974 den Waffenstillstand zwischen Israelis und Syrern überwachen soll.

Weiss ist froh, als er seine Muttersprache hört, hier, mitten in einer schweren Wolke auf dem Berg Bental, mitten in diesem wohl nie wieder zu entflechtenden Wirrwarr von Hass, Gewalt und Schönheit auf dem Golan. Niemand hier braucht die UN, schon gar nicht Israel, welches das Gebiet 1981 annektiert hat. Es ist eine unnütze Truppe. Von drüben sind Explosionen zu hören: Mörserfeuer, die leicht transportable Waffe der syrischen Rebellen. Nur einen Kilometer weiter herrscht Krieg. Und Weiss wiederholt sich: „In zwei Wochen bin ich hier weg.“

Erich Weiss

Das wird ein guter Tag“, hatte noch am frühen Morgen der Kibbutznik Eli Kedem in Ma´agan am Südufer des Sees Genezareth gesagt: „Es gibt Regen. Hoffentlich viel.“ Er hatte nach oben geblickt, auf das „Monster“, wie die israelischen Kinder schon in den 50er-Jahren den steil über ihrem See ansteigenden Golan nannten.

Hier unten kennt jeder die Geschichten aus der Zeit, als die Syrer von oben Traktoren und Siedler auf den Feldern beschossen. Seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 hat das aufgehört. Jetzt ist es dort oben israelisch, an der Kante bei Kvar Haruv. Von hier hatten die Artilleristen eine grandiose Sicht auf alles, den See, die Felder, die Ortschaften, die Menschen, das heilige Land der Bibel, dessen Schönheit im Wechselspiel dichter Wolken bis hierher leuchtet.

Vermintes Gelände

Die Fahrt über den Golan ist eine Fahrt durch die Geschichte dieses vulkanischen Hochplateaus. Es gilt noch heute als das am dichtesten verminte Gelände der Welt, eine Gefahr für Mensch und Tier. Stacheldrahtverhaue, Panzergräben und längst verlassene Verteidigungslinien durchziehen die felsige Ebene in bizarren Mustern. Der Sechs-Tage-Krieg von 1967 und der Yom-Kippur-Krieg von 1973 sind hier in dramatischen Schlachten ausgetragen worden.

Zahlreiche Panzerwracks erfüllen noch heute einen Zweck: als Attrappen zur Verwirrung der gegnerischen Luftwaffe. Etwa 100 000 Araber wohnten hier bis zum Sechstagekrieg.

Siedlungen zerstört

Danach planierten die Israelis deren Siedlungen und Gehöfte mit Bulldozern - bis auf fünf Dörfer der drusischen Minderheit, die sich als syrische Araber fühlen, sich aber traditionell ihren jeweiligen Landesherren gegenüber loyal verhalten. Heute leben 19 000 Juden und 22 000 Drusen auf dem Golan.

Aber es gibt nicht nur zahlreiche Gedenksteine für die Gefallenen und alte Betonbunker. Wein wird hier angebaut, auch Äpfel, Kirschen, Bananen, Oliven. Der Honig vom Golan ist weltberühmt, seine fetten Rinder waren schon in der Antike legendär. Hier krabbeln Schildkröten über die Straßen, führen wilde Eber ihre Rotten durchs basaltige Geröll, und mit etwas Glück kann man auch die Klippdachse beobachten - mitsamt den Falken über ihnen.

War es Absicht, dass eine Mörsergranate vor drei Tagen zwischen zwei Häusern eines israelischen Dorfes an der Grenze einschlug? „Nein“, sagt ein israelischer Offizier, der es wissen muss. „Sie sollte das syrische Dorf unterhalb am Hang treffen.“ Fast vierzig Jahre lang war dies eine der ruhigsten Grenzen Israels. Jetzt weiß niemand, was kommt.

Von Tibor Pézsa

Israel modernisierte den Grenzzaun

Hunderte Palästinenser tauchten im vergangenen Jahr plötzlich an der Nordspitze des Golan vor dem Drusendorf Majdal Shams auf und durchbrachen den Grenzzaun. Und das aus dem Reich des syrischen Despoten Baschir Assad, dessen Geheimpolizei überall Augen und Ohren hat. Völlig überforderte israelische Grenzsoldaten schossen scharf und töteten und verletzten viele. Erst nach stundenlangen Verhandlungen der Dörfler mit den Soldaten erhielten die Eindringlinge freies Geleit zum Abzug. Und Israel befestigte und modernisierte den Zaun entlang der gesamten syrischen Grenze. Friedliche Demonstranten waren das, sagt der drusische Arzt Dr. Taiseer Maray aus Majdal Shams.

Flüchtlinge, die nur nach Hause wollten. Am israelischen Institut für Sicherheitsstudien im fernen Tel Aviv schätzt der israelische Ex-Brigadegeneral Udi Dekel die Lage anders ein: „Wir haben Assad klar gemacht, dass er beim nächsten Mal die Antwort in Damaskus bekommt. Wir wissen, wo sein Palast steht.“ Erst an diesem Wochenende wiederholte das israelische Außenministerium diese Warnung, nachdem wie schon vor einer Woche syrische Panzer in die schmale Pufferzone vor der israelischen Grenze eingedrungen und Querschläger über die Grenze geflogen waren. Es scheint nicht gut um Assad zu stehen: Angeblich lässt er jetzt Waffen an die 500 000 Palästinenser im Land verteilen.

Die arabischen Aufstände sind auch für Israel nicht leicht zu durchschauen. Man wartet ab und mischt sich nicht ein, zumindest nicht offiziell. Mit wem sollte man auch über was verhandeln? Erst recht in diesen unübersichtlichen Zeiten kann sich kein Araber erlauben, mit Israel auch nur irgendwie in Verbindung gebracht zu werden. Man hat mehr als genug mit sich selbst zu tun. Die Palästinenser sind in diesem Spiel nützlich, wenn nicht, müssen sie gehen. Wie unlängst der Auslandschef der Hamas, Kalid Mashal. Er musste Damaskus verlassen, nachdem die Hamas sich dem Wunsch ihrer iranischen Geldgeber verweigerte, vorbehaltlos Assad zu unterstützen. Jetzt hat die Hamas ein Problem.

Wer immer sich in Syrien durchsetzen wird - er wird das 1967 von den Israelis zerstörte Kuneitra nicht wieder aufbauen. Die Ruinen der Stadt liegen wenige Hundert Meter vor der israelischen Grenze. Einst mit etwa 20 000 Einwohnern größte Stadt auf dem Golan, dient Kuneitra seitdem dazu, die verfeindeten syrischen Clans und Völkerschaften wenigstens im Hass auf Israel zu verbinden. Erich Weiss könnte Kuneitra sehen, wenn er nicht hier oben wäre, auf dem Bental, in diesem verdammten Nebel. Aber wozu auch? Noch zwei Wochen, dann hat er es hinter sich.

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