Die Gräben blieben tief: 30 Jahre Startbahn West am Frankfurter Flughafen

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An der Protestfront: Am Schanzgraben auf dem Frankfurter Flughafengelände stehen sich im September 1981 Gegner der Startbahn West und ein massives Polizeiaufgebot gegenüber. Foto:  dpa

Vor 30 Jahren, am 12. April 1984, hob das erste Flugzeug von der Startbahn West am Flughafen Frankfurt ab. Die erbitterten Proteste beim Bau der Piste sind nicht vergessen. Damals ging es um Bäume - ein Kampf, der Leben kostete. Von Sabine Ränsch

Frankfurt. Alle paar Minuten donnert ein Flugzeug über die Idylle. Es ist ohrenbetäubend laut. Im Naturschutzgebiet Mönchbruch bei Mörfelden-Walldorf singen die Vögel seit 30 Jahren gegen Fluglärm an. Das Gebiet grenzt im Süden an die „Startbahn 18 West“. Das am heftigsten umstrittene Bauprojekt der Republik wurde am 12. April 1984 in Betrieb genommen. Inzwischen geht 400 Mal am Tag von der vier Kilometer langen Piste eine Maschine in die Luft. Routinebetrieb am Frankfurter Flughafen.

Als der Lufthansa-Airbus „Lüneburg“ als erstes reguläres Flugzeug von der 18 West abhob, atmete die Luftfahrtbranche auf. Nach jahrzehntelanger Planung und jahrelangen, erbitterten Auseinandersetzungen hatten die Gegner der Flughafenerweiterung verloren. Eine offizielle Eröffnungsfeier gab es nicht. Man wollte nicht provozieren.

Geburtsstunde der Grünen

Der Protest gegen die Naturzerstörung prägte damals auch die politische Diskussion im Land. Fluglärm spielte zu jener Zeit eine untergeordnete Rolle. Gerade erst hatten sich die Grünen aus der Umweltbewegung gegründet, 1983 zog die Partei erstmals in den Bundestag ein. Unter dem Druck der Proteste verdoppelte der Flughafenbetreiber seinen Umweltschutzfonds von 2,5 auf 5 Millionen D-Mark (etwa 2,5 Mio. Euro). Damit wurden Aufforstungen als Ersatz für den gerodeten Startbahn-Wald bezahlt. Insgesamt kostete das Projekt 225 Mio. Mark (etwa 112 Mio. Euro).

Hunderttausende hatten demonstriert, sich Woche für Woche im Wald getroffen, ein Hüttendorf mit Kapelle errichtet, bis die Hütten entfernt und der Wald gerodet wurde. Den Bewohnern des Hüttendorfs schlug Sympathie und Solidarität entgegen. Viele brachten Kaffee und Kuchen in den Startbahn-Wald. Aber nach einer Blockade 1981, als Tausende den Verkehr lahmlegten, schlugen die friedlichen Proteste in Krawalle um. Demonstranten und Polizei lieferten sich Gefechte mit Steinen, Molotowcocktails, Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken.

Auch nach Fertigstellung der Bahn gingen die Proteste an der Startbahn-Mauer weiter und eskalierten 1987, als zwei Polizisten während einer Demonstration erschossen wurden. Erst danach wurde es ruhiger. Doch die politischen Gräben sind nicht zugeschüttet. Noch heute trifft sich ein Häuflein Unentwegter regelmäßig zum Sonntagsspaziergang an der Bahn, sagt Dirk Treber, Mitbegründer der Protestbewegung. Die Kapelle, die Ausbaugegner im Wald gebaut hatten, steht heute zwischen Mörfelden und Walldorf.

Die Hoffnungen, eine gründliche Diskussion vorab könnte Proteste gegen die nächste Flughafenerweiterung verhindern, erfüllten sich nicht: Trotz Mediationsverfahren weckte auch der Bau der Nordwestlandebahn, die 2011 eröffnet wurde, den Zorn der ganzen Region. Diesmal rückte die Diskussion um Fluglärm in den Vordergrund.

Krawalle wie zu Zeiten der Startbahn West gab es nicht, aber die hartnäckigen Proteste und Gerichtsverfahren brachten den Gegnern Erfolg: Für den Lärmschutz wurden Programme in dreistelliger Millionenhöhe aufgelegt. (dpa)

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