Umweltorganisation: Ministerium hat Messungen falsch berechnet - Forderung nach Absage des Transports

Greenpeace: Castor-Lager strahlt zu sehr

Blick in das atomare Zwischenlager Gorleben. Foto:  dpa

Hannover. Für Greenpeace, Bürgerinitiativen und Landtagsopposition steht es nun endgültig fest: Der für Ende November geplante Castor-Transport nach Gorleben muss ihrer Ansicht nach umgehend abgesagt werden. Auch schon ohne die elf weiteren Atommüllbehälter aus Frankreich überschreite die Strahlung aus dem Zwischenlager eindeutig die zulässigen Grenzwerte, erklärte Greenpeace gestern in Hannover vor. Das niedersächsische Umweltministerium habe die Messungen falsch berechnet.

„Eine weitere Einlagerung ist schlicht rechtswidrig“, meinte Diplom-Physiker Heinz Smital von der Umweltorganisation. Man werde daher versuchen, die Strahlenfuhre mit allen juristischen Möglichkeiten zu stoppen. Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) will erst am kommenden Dienstag mitteilen, ob die elf Castoren in das Transportbehälter-Zwischenlager (TBL) - eine simple überirdische Halle am Rande Gorlebens - rollen können.

„Eingreifwert“

Seit Monaten tobt darüber ein erbitterter Streit. Die Genehmigung für das TBL legt fest, dass am ungünstigsten „Aufpunkt“ am Zaun des Geländes ein Strahlenwert von 0,3 Millisievert pro Jahr nicht überschritten werden darf. Schon ab 0,27 Millisievert, dem „Eingreifwert“, müssen Schritte zum Verringern der Strahlung erfolgen, eine weitere Einlagerung von Atommüll ist untersagt.

Noch vor kurzem hatte das Ministerium Messungen und Berechnungen der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) und des TÜV Nord präsentiert und Entwarnung gegeben: Laut präziser Prognose werde am Ende des Jahres der kritische Wert mit lediglich 0,233 Millisievert bei weitem nicht erreicht. Bislang spreche also nichts gegen einen weiteren Castor-Transport, verkündete Sander.

Die Greenpeace-Experten wollen nun nach eigenen Angaben drei Fehler in den Ministeriumszahlen nachgewiesen haben: Zum einen habe die PTB den ursprünglich vom Landesbetrieb für Küsten- und Naturschutz (NLWKN) ermittelten Neutronen-Hintergrundwert nachträglich - und ohne sachlichen Grund - höher angesetzt. Dieser Wert beschreibt die natürliche Umgebungsstrahlung und muss von der Gesamtdosis abgezogen werden. Je höher er also ist, desto geringer erscheint der Castor-Effekt.

Zum anderen habe die PTB die vom NLWKN im ersten Halbjahr gemessene Gamma-Dosis nachträglich auf Null gesetzt, weil sie selbst keine derartige Strahlung festgestellt haben wolle, kritisierte Smital. „Das ist nicht zulässig.“ Auch für das zweite Halbjahr habe man keine Gammawerte berücksichtigt. Und schließlich seien die NLWKN-Messungen gar nicht am ungünstigsten Punkt erfolgt. Alles in allem kommt Greenpeace auf einen Strahlenwert von 0,305 Millisievert.

Die Grünen sprachen prompt von Manipulation im Ministerium und verlangten von Sander, die Genehmigung für den Transport zu versagen. Auch SPD-Atomexperte Marcus Bosse bekräftigte den Ruf seiner Fraktion nach einem Stopp der Castor-Fuhre. „Wie viele Beweise von Experten braucht es denn noch?“ fragte der Linken-Abgeordnete Kurt Herzog.

Die Castor-Gegner im Wendland laufen sich derweil für ihre Proteste warm. Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg rief für nächsten Samstag zu einem „Castor-Streckenaktionstag“ auf.

Von Peter Mlodoch

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.