Will Griechenland um den Euro kämpfen?

Presse zur Wahl in Athen: "Chance vertan"

Athen - Die Wahl in Griechenland ist weder eín klares Bekenntnis der Griechen für noch gegen den Euro - so kommentieren die meisten großen Zeitungen die Ergebnisse in Athen.

"Münchner Merkur" (München)

"Wer darauf gesetzt hatte, das starke Abschneiden der Linksphantasten vom Syriza-Bündnis im Mai sei lediglich als Protest zu verstehen, und die Griechen würden schon zur Vernunft finden, sieht sich getäuscht. Offenbar haben sich Millionen Menschen in den Wahn hineingesteigert, an ihrem Dilemma seien nicht nur unfähige Politiker, korrupte Eliten und letztlich sie selbst schuld, sondern die harten Auflagen der Helfer, dirigiert von deutschen Sadisten. Nur so ist es zu erklären, dass jener Alexis Tsipras, der die Spardiktakte in einem glatten Vertragsbruch für null und nichtig erklären will, um die 27 Prozent auf sich vereinen kann. Das ist de facto ein starkes Votum für den Abschied vom Euro - auch wenn viele Griechen das noch nicht begriffen haben."

„Handelsblatt“ (Düsseldorf)

„Eines können die Europäer man nach der griechischen Wahl nicht: einfach weitermachen wie bisher. Weder in Athen noch anderswo in Europa. Das im Frühjahr 2010 eingeleitete und im Oktober vergangenen Jahres bereits modifizierte Konsolidierungsprogramm trägt nicht die erwarteten Früchte. Der Sparkurs würgt die Wirtschaft immer weiter ab. Seit Beginn der Krise hat Griechenland fast ein Fünftel seiner Wirtschaftsleistung verloren. Viele Griechen verlangen Änderungen am Sparpaket. Die Probleme Griechenlands sind so gewaltig, dass die politischen Parteien gut beraten wären, ihre Kräfte zu bündeln und jetzt eine möglichst breit aufgestellte Regierung zu bilden.“

"Frankfurter Rundschau“ (Frankfurt/Main)

„Und so kommt es, dass die große Chance vertan worden ist, die in dieser neuerlichen Griechenland-Wahl lag: Der Chance, politische Legitimation für Griechenlands künftigen Kurs in der Schuldenkrise zu erhalten. Die Regierung wird in den nächsten paar Wochen darüber entscheiden müssen, ob ihre Bürger lieber den Preis dafür zahlen sollen, am Euro festzuhalten, oder den Preis dafür, die gemeinsame Währung aufzugeben. Sicher ist, dass der Preis so oder so hoch ausfallen wird. Aber wie viel besser wäre es gewesen, den Wählern die Rechnung vorher zu zeigen! Eine schwere Mitschuld trägt Europa. Zu keinem Zeitpunkt haben die EU-Kommission, die europäischen Regierungschefs oder Finanzminister sagen wollen, wie ein Staatsbankrott oder ein Euro-Austritt Griechenlands vor sich gehen würden."

"Rhein-Zeitung„ (Koblenz/Mainz)

“EU und IWF steht nun ein quälendes Tauziehen mit Athen um eine Lockerung der Sparauflagen bevor. Auch ein Schuldenerlass könnte den öffentlichen Gläubigern nicht erspart bleiben. Alles in der Hoffnung, dass Griechenland am Ende wirtschaftlich wieder auf die Beine kommt. Das ist nicht ausgemacht. Gut möglich, dass Hellas sich am Ende als Fass ohne Boden erweist. Doch die jüngste Ausbreitung der Krise auf Spanien und Italien lässt Zweifel aufkommen, dass die Euro-Retter einen Flächenbrand verhindern können, sollte Griechenland die Währungsunion verlassen."

“Westdeutsche Zeitung" (Düsseldorf)

“Am Ende bleibt womöglich nur eine Kern-Euro-Zone mit Deutschland, Frankreich und anderen eher nördlichen Ländern übrig. Diese stark gebeutelte Rumpf-Gemeinschaft wird sich dann selbstkritisch fragen, ob es nicht von Anfang an besser gewesen wäre, unter sich zu bleiben."

"Der Standard" (Wien):

„Die Griechen haben verstanden, wie viel für sie, für ihr Land und für Europa bei dieser Wahl auf dem Spiel stand. Die Botschaft ist angekommen. Viele haben doch für die konservative Nea Dimokratia gestimmt: weniger aus Überzeugung sondern hoffend, dass damit eine Stabilisierung erreicht wird - als Signal an die Finanzmärkte und die anderen Europäer. (...)

Die anderen Eurostaaten haben aber auch verstanden, dass sie den Widerstand einiger Länder - besonders Deutschlands - gegen Eurobonds nicht brechen können. Eine Light-Variante gemeinsamer Anleihen, sogenannter Euro-Bills mit kurzer Laufzeit und begrenzter Summe, ist ein Kompromiss. Der zweite Urnengang hat viele Einsichten bewirkt, die gezogenen Lehren sollten rasch umgesetzt werden.“

"The Times" (London):

„In Griechenland ist wohl eine Blockade vermieden worden. Doch wir wissen immer noch nicht, ob die Zukunft des Landes in der Eurozone langfristig tragbar sein wird. Die Wahl hat zwar in Griechenland stattgefunden, doch in Wirklichkeit wird Deutschland über die Zukunft Griechenlands entscheiden. Doch die Unsicherheit über die Absichten Berlins belasten die Wirtschaft Europas, auch die deutsche. Das von Mrs. Merkel konzipierte EU-weite Sparprogramm hat die Lage nicht verbessert und häufig verschlimmert. Deutschland klärt nur sehr langsam seine Vorstellungen für die Weiterentwicklung der Gemeinschaftswährung. Die Griechen haben nun abgestimmt. Jetzt liegt es an Mrs. Merkel, den Ausgang der Wahl mitzugestalten.“

Sieger und Verlierer der Griechenland-Wahl

Sieger und Verlierer der Griechenland-Wahl

dapd/dpa

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