Diskussion um Impfstoff

Grippemittel aus Tumorzellen: Experten sind skeptisch

Gesundheit: Für ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen kann eine Grippe lebensbedrohlich werden. Vor allem diese Gruppen entscheiden sich häufig für eine Schutzimpfung. Foto:  dpa

Kassel/Marburg. Um den Grippe-Impfstoff „Optaflu“ des Pharmaherstellers Novartis (Marburg) ist eine heftige Diskussion entbrannt. Novartis hatte mit dem Mittel einen Lieferengpass beim klassischen Grippe-Impfstoff „Begripal“ überbrücken wollen. Kritiker warnen aber.

Es sei nicht ausreichend untersucht, ob Optaflu bei Menschen Krebs erregen könne. Das für die Zulassung von Medikamenten zuständige Paul-Ehrlich-Institut dagegen hält diese Sorge für unberechtigt.

Novartis hatte mit den Krankenkassen für Hamburg und Schleswig-Holstein einen Exklusivvertrag für Begripal geschlossen und nach Lieferschwierigkeiten Optaflu als Ersatz angeboten. „Das ist der dritte Versuch Novartis´, Optaflu auf dem deutschen Markt einzuführen“, sagte der Pharmakologe Prof. Dr. Peter Schönhöfer (Bremen) im Gespräch mit dieser Zeitung. Sein Kollege Wolfgang Becker-Brüser (Berlin) hatte im „Spiegel“ kritisiert, dass Novartis eine Einführung durch die Hintertür vornehme.

In Hessen werden laut AOK bevorzugt „Begripal“ und „Influsplit“ geimpft, in Niedersachsen „Influsplit“ und „Ratiopharm SSW 2012/2013“.

Optaflu wird anders hergestellt als Begripal: Während die Impfviren von Begripal in Hühnereiern gezüchtet werden, gedeihen jene von Optaflu in Tumorzellen von Hunden. Becker-Brüser und Schönhöfer sind der Ansicht, dass in den Zellen noch Krebsinformationen enthalten sein könnten, die über die Impfung in Menschen gelangen. „Ich bin nicht der Meinung, dass die bisherigen Prüfungen so umfassend und zielgerichtet waren, dass man sagen kann, dieses Mittel ist sicher“, sagt Schönhöfer. Der 77-Jährige war Direktor des Instituts für klinische Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte und vorher Abteilungsleiter für Pharmakovigilanz im Bundesgesundheitsamt, also in der Zulassungsbehörde.

Im Jahr 2005 hätten die amerikanischen Zulassungsbehörden Optaflu abgelehnt, sagt Schönhöfer. Bei einem zweiten Versuch sei das Mittel nur in der Schweiz unter dem Namen „Celtura“ auf den Markt gekommen.

Das Paul-Ehrlich-Institut kann die Kritik nicht nachvollziehen. Optaflu enthalte keine Bestandteile, die Tumore auslösen könnten. Das habe unter anderem der hunderttausendfache Einsatz von „Celtura“ im Winter 2009/10 gezeigt.

Die Firma Novartis weist darauf hin, dass Optaflu von Gesundheitsbehörden als Impfstoff zugelassen worden ist. „Eine Impfung mit Optaflu stellt kein Risiko dar, an Krebs zu erkranken“, sagte Sprecher Dr. Volker Husslein am Mittwoch. Die Zellkulturtechnologie werde seit vielen Jahren zur Produktion auch anderer Impfstoffe genutzt. Die angeblichen Risiko-Zellen seien im Endprodukt entfernt.

Von Tatjana Coerschulte

Mehr zum Thema lesen Sie am Donnerstag in der gedruckten Ausgabe.

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.