Eltern bezahlen jährlich 1,5 Milliarden Euro für Nachhilfe - Schon Viertklässler machen Überstunden

Das große Geschäft mit der Hilfe

Wenn es allein nicht klappt: In Deutschland nehmen über eine Million Schüler Nachhilfe. Schon 15 Prozent der Viertklässler lassen sich laut einer Bertelsmann-Studie professionell helfen. Foto: dpa

Früher haben sich die Schüler manchmal noch Ausreden ausgedacht. Dass sie zur Oma müssen und deshalb nicht Fußball spielen können. Inzwischen ist Nachhilfe jedoch kein Tabuthema mehr. „Die meisten machen irgendwann Erfahrungen damit“, sagt Thomas Momotow, Sprecher des Studienkreises Nachhilfe. „Deshalb reden die Kinder auch offen darüber.“

Die freiwilligen Überstunden nach dem Unterricht gehören für viele Schüler inzwischen zum Alltag. Und sie sind ein Milliardengeschäft. Nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung geben Eltern in Deutschland bis zu 1,5 Milliarden Euro pro Jahr für Nachhilfe aus - bei einem Durchschnittspreis von 15 Euro für 60 Minuten reicht das für 100 Millionen Stunden. Über eine Million Kinder, das heißt fast zehn Prozent aller Schüler, lassen sich derzeit von Profis beim Lernen helfen. Jeder vierte 17-Jährige gibt an, mindestens einmal im Laufe seiner Schulkarriere Nachhilfe genommen zu haben.

Hessen ist vorn dabei

Die Zahl der Nachhilfeschüler ist in den vergangenen Jahren ungefähr gleich geblieben. Nach Angaben der beiden führenden Nachhilfeinstitute Schülerhilfe und Studienkreis ist der „Boom“ der späten 90-er vorbei. Doch die Nachfrage ist konstant hoch geblieben - obwohl die Schülerzahlen immer weiter zurückgehen.

Beim Zulauf der Nachhilfeinstitute lassen sich laut Bertelsmann-Studie jedoch große Unterschiede innerhalb der Bundesländer erkennen. Mit 124 Euro pro Jahr und Kind geben hessische Eltern besonders viel für die Nachhilfe ihres Nachwuchses aus. Nach Baden-Württemberg, Hamburg und dem Saarland liegt Hessen damit auf Platz vier der „Nachhilfeländer“. Niedersachsen landet mit 98 Euro pro Jahr im deutschen Mittelfeld, besonders wenig - nämlich 74 Euro pro Kind - geben Eltern aus Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt aus.

Für die Verfasser der Studie, das Forscherehepaar Annemarie und Klaus Klemm, ist die hohe Nachhilfequote in Deutschland ein Alarmsignal. „Es stellt sich die Frage, warum in einem öffentlichen Bildungssystem die Nachfrage derart hoch ist“, meint Klaus Klemm, Professor für Bildungswissenschaften an der Universität Essen. „In einer Schule mit individueller Förderung müsste Erfolg auch ohne privat finanzierten Unterricht möglich sein.“

Im internationalen Vergleich nimmt die Nachhilfe in Deutschland einen hohen Stellenwert ein. Aus der vieldiskztierten Pisa-Studie geht hervor, dass 19 Prozent der 15-Jährigen Nachhilfe im Fach Mathe bekommen. In Finnland, Kanada und den Niederlanden sind es unter fünf Prozent.

Anders als früher sind es nicht mehr nur Mittel- und Oberstufenschüler, die sich außerhalb der Schule Hilfe holen. Inzwischen haben schon 15 Prozent der Viertklässler Nachhilfe in Deutsch, Annemarie und Thomas Klemm gehen davon aus, dass der Wert im Fach Mathe noch höher liegt.

Obwohl seine Studie die Wirksamkeit von Nachhilfe bestätigt, fordert Klaus Klemm die Verbesserung der schulischen Angebote. „Die Enttabuisierung der Nachhilfe darf nicht dazu führen, sie einfach zu akzeptieren“, schreibt er. „Das Ziel der Schulen muss sein, sie auf ein unvermeidliches Mindestmaß zu begrenzen.“   grafik Hintergrund

Von Saskia Trebing

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