Grünen-Politiker Dunkel:

Entschuldigung für Beschneidungsgedicht

Hannover - Sein umstrittenes Gedicht zur religiösen Beschneidungspraxis hat die Ambitionen des niedersächsischen Grünen-Politikers Ulf Dunkel auf einen Landtagssitz vorerst beendet.

Nach scharfer Kritik kündigte er am Montag auf Facebook an, im Falle seiner Wahl auf das Mandat zu verzichten. Am Neujahrstag entschuldigte sich Dunkel dann auf seinem Blog beim Zentralrat der Juden in Deutschland. Der Politiker ist Direktkandidat für die Landtagswahl am 20. Januar im Wahlkreis Cloppenburg und kandidiert auf Platz 34 der Landesliste.

Doch unabhängig vom Wahlausgang wird aus Dunkels Mandat nun nichts. Schuld ist sein im Internet veröffentlichtes Gedicht, das die religiöse Beschneidung von Jungen kritisiert. Darin heißt es: „Wetzt das Messer, singt ein Lied, ab die Vorhaut von dem Glied. Kinder können sich nicht wehren, darum müssen sie uns ehren.“ Die Verse des 50-Jährigen riefen scharfe Kritik hervor, besonders vom Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. Er reagierte empört und forderte in der „Süddeutschen Zeitung“ den politischen Rückzug Dunkels.

Der dichtende Politiker lenkte ein. Es sei ihm in der Debatte über die religiöse Beschneidungspraxis „leider nicht immer gelungen, die richtigen, maßvollen Worte zu finden“, schrieb Dunkel am Dienstag auf seinem Blog. Er entschuldigte sich ausdrücklich bei Graumann „stellvertretend für die Menschen jüdischen Glaubens“, aber auch bei den „Menschen muslimischen Glaubens“.

Poetischer Wutausbrauch nach Beschneidungs-Film

Gleichzeitig stellte Dunkel klar: „Ich bin weder Antisemit noch Antimuslim, noch bin ich hasserfüllt oder möchte gar hochmütig erscheinen“. Ihm sei es nur darum gegangen, die von der religiösen Praxis der Beschneidung betroffenen Kinder vor einer unnötigen und irreversiblen Körperverletzung zu bewahren.

Als Grund für sein Gedicht nannte Dunkel den Dokumentarfilm „It's a Boy“ des jüdischen Briten Victor Schonfeld. Dieser Film über Beschneidung habe ihn derart stark bewegt, dass er sich „zu einem Wutausbruch und zu einem, wie ich in der Nachschau eingestehen muss, der Sache nicht angemessenen Gedicht hinreißen lassen“ habe, schrieb Dunkel am Dienstag auf seinem Blog.

Derweil bekam der Grünen-Politiker Rückendeckung von seinem Kreisverband Cloppenburg. „Wir nehmen mit großem Bedauern zur Kenntnis, dass der Niedersächsische Landesvorstand trotz intensiver Gespräche keine Möglichkeit gesehen hat, sich hinter unseren Kandidaten zu stellen“, hieß es in einer Mitteilung vom Montag. Der Kreisvorstand stehe geschlossen hinter Dunkel. Vorwürfe von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus seien unzutreffend. Zugleich begrüßte der Kreisvorstand Dunkels freiwilligen Rückzug, weil er die Partei schütze. Überhaupt sei Dunkels Wahl in den Landtag „unwahrscheinlich“.

Die „Süddeutsche Zeitung“ nannte Dunkel einen vehementen Verfechter „genitaler Selbstbestimmung“. Das jüngst vom Bundestag beschlossene Gesetz, das die im Judentum übliche Beschneidung männlicher Neugeborener ausdrücklich erlaubt, laste er dem „Druck einer anscheinend überstarken religiösen Lobby“ an.

dapd

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.