Interview

Wie die Datensammelei unser Verhalten verändert

Nicht nur Google und Facebook haben Zugriff auf unsere Daten: Grünen-Politiker Malte Spitz achtet daher darauf, dass nicht zu viele Daten von ihm im Umlauf sind. Foto: dpa

Der Grünen-Politiker Malte Spitz wollte wissen, wer welche Daten über ihn sammelt und hat darüber das ernüchternde Buch „Was macht ihr mit meinen Daten?“ geschrieben.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Überwachung uns verändert. Inwiefern handeln wir anders, wenn wir wissen, dass wir überwacht werden?

Malte Spitz: Wenn man weiß, dass etwas abgespeichert wird, orientiert man sich viel stärker an konformem Verhalten. Eine Abweichung davon ist sofort eine Auffälligkeit. Ein Beispiel sind Autoversicherungstarife. Hat meine Versicherung Informationen über mein Fahrverhalten, fahre ich vorsichtiger und vielleicht auch nicht mehr so oft nachts, weil ich weiß, dass das Auswirkungen auf mein Versicherungsbeitrag hat.

Das ist ja nicht schlecht, sondern das Prinzip des Nudging, also der Methode, das Verhalten von Menschen ohne Verbote und Befehle zu beeinflussen.

Spitz: Das stimmt, Datenspeicherung ist nicht per se zu verteufeln. Aber man muss wissen, was dort gespeichert und wie es ausgewertet wird. Wir brauchen Transparenz und Kontrolle. Die Verdatung unseres Lebens findet überall statt und hat viel mehr Einfluss auf unser Leben als wir glauben. Deshalb sage ich: Seid nicht blauäugig.

Ihr Selbstversuch zeigt, dass nicht nur Facebook und Google von unseren Daten leben, sondern dass sie auch für Einwohnermeldeämter und Krankenkassen bares Geld bedeuten. Welche Erkenntnis hat Sie am meisten überrascht?

Spitz: Am blauäugigsten war ich bei der Krankenkasse. Die muss natürlich meine Arztrechnungen bezahlen. Aber ich war doch überrascht, dass dort jede ärztliche Diagnose der letzten Jahre aufgeführt war. Das sind Dinge, die unter die ärztliche Schweigepflicht fallen. Bei mir waren es nur harmlose Sachen, aber es gibt auch ansteckende Krankheiten. Da fragt man sich: Wer hat darauf Zugriff?

Mediziner prophezeien jedoch, dass Big Data in Zukunft Menschenleben retten wird.

Spitz: Sicher können intelligente Algorithmen zu besseren Therapien führen. Ich frage mich aber, welche Daten dafür zwingend notwendig sind. Big Data funktioniert auch mit einem hohen Datenschutzniveau.

Auch Banken wissen viel über uns.

Spitz: Beim Scoring-Verfahren wird die Kreditwürdigkeit einer Person festgestellt. Da kann es passieren, dass ein Uni-Absolvent, der eine Firma gründen will, und in einem unrenovierten Altbau in der Nachbarschaft von vielen Hartz-IV-Empfängern lebt, keinen Kredit für die Gründung bekommt. Die Daten seiner Nachbarn werden auf ihn übertragen, er wird quasi in Sippenhaft genommen.

Trotzdem: Warum muss ich mir Sorgen machen? Ich habe doch nichts zu verbergen.

Spitz: Es muss nicht um Leben und Tod und den Staat gehen. Wo wir etwas zu verbergen haben, ist der privatwirtschaftliche Bereich. Buche ich kurzfristig einen Flug für den nächsten Tag, weil ich meine Frau besuchen will, kann es sein, dass das Hotel mir einen um 20 Prozent höheren Preis abknöpfen will. Denn das Hotelbuchungsportal weiß, dass ich gerade erst einen Flug gebucht habe und unter Druck stehe. Daten bieten also nicht nur Komfort, man kann durch sie auch abgezockt werden.

Was machen Sie im digitalen Alltag heute anders als vor der Recherche zu Ihrem Buch?

Spitz: Es sind Kleinigkeiten, bei denen ich darauf achte, dass nicht zu viele Daten von mir im Umlauf sind. Ich nutze einen Mail-Anbieter, für den ich ein paar Euro im Monat bezahle und von dem ich weiß, dass er meine Daten nicht für Werbezwecke verwendet. Vor allem ist aber die Politik gefragt. Ich will mich nämlich nicht aus der digitalen Welt verabschieden. Ich bin ein Technik-Nerd, der das neue Smartphone sofort ausprobieren will. Aber es sollte auch meine Daten schützen.

Polizisten wünschen sich zur Verfolgung von Pädophilen die Vorratsdatenspeicherung. Ist nicht einmal die Sicherheit unserer Kinder es wert, dass wir auf ein kleines Stück Freiheit verzichten?

Spitz: Ich streite für effektive Strafverfolgung und mehr IT-Personal bei der Polizei um bestehendes Recht besser anzuwenden. Wenn man aber hört, dass beschlagnahmte Festplatten ein halbes Jahr in der Asservatenkammer liegen, weil das Personal fehlt, um sie auszuwerten, ist das das Problem. Der Glaube, man sei sicherer, wenn man immer mehr Daten anhäuft wie im Rahmen der Vorratsdatenspeicherung, ist ein Irrglaube und nicht belegbar. Es gibt auch andere Wege zur Verfolgung von Straftätern, online wie offline. Die Vorratsdatenspeicherung ist wiederum ein Angriff auf unsere Grundrechte. Alle Deutschen, die telefonieren und im Internet surfen, werden unter Generalverdacht gestellt. Das Prinzip der Unschuldsvermutung dreht sich um.

Was macht ihr mit meinen Daten? Konsequenzen aus der digitalen Revolution. Gespräch mit Malte Spitz und Heinz-Peter Höller (Informatikprofessor, Schmalkalden). Moderation: Nicole Maisch (Grüne Bundestagsabgeordnete). Freitag, 18 Uhr, Kasseler Kunsttempel, Friedrich-Ebert-Straße 177.

Zur Person

Malte Spitz (31) aus Unna war sieben Jahre im Bundesvorstand der Grünen. Mittlerweile ist der Familienvater, der in Berlin lebt, im NRW-Landesvorstand aktiv. Sein Buch „Was macht ihr mit meinen Daten?“ ist bei Hoffmann & Campe (240 Seiten, 17,99 Euro) erschienen.

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