Gysi und Lafontaine ziehen Linke in ihren Bann - und lassen sie ratlos zurück

Göttingen. Der langanhaltende Applaus ist verebbt: Oskar Lafontaine geht sofort nach seiner Rede auf Gregor Gysi zu. Die Umarmung findet statt, ist aber distanziert. Die Reden der beiden Großen der Linken während des Bundesparteitages in der Göttinger Lokhalle waren der Höhepunkt - keine Frage.

Kein Wunder. Denn, wenn Lafontaine eines besonders gut kann, dann ist es am Pult vor der Menge zu stehen. Und so geht er, wenn man von einem Duell sprechen kann, als Punktsieger daraus hervor.

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Vor seinem Auftritt lauscht er den Worten von Gregor Gysi - der an die Anfänge der der West-PDS, der WASG, der Linken und die Unterschiede erinnert. Die streicht er heraus. Auch die unterschiedlichen Wahlergebnisse im Osten und Westen. Und er nennt die in der unsäglichen jüngsten Parteiphase geäußerte Kritik einiger westlicher Linken an den Ergebnissen der Partei in Berlin und Brandenburg. ÊR geißelt die arrogante Kritik an den östlichen Landesverbänden. Kritisiert die frühen Vorbehalte der Ost-Verbände an Lafontaine. Den Graben zwischen Ost und West in der Partei schüttet Gysi aber nicht zu. Der Beifall kommt folglich mehr aus den Kreisen der einstigen neuen Bundesländer.

Während Gysi teilweise resignativ, ja zermürbt von innerparteilichen und -fraktionellen Attacken wirkt („Ich habe keine Lust mehr, Es herrscht auch Hass“), aber dennoch zur Einheit der Partei mahnt und vor der Spaltung warnt, zeigt sich der - wie einige Zeitungen schrieben - scheinbar resignierte Oskar Lafontaine nach einer intensiven Konzentrationsphase vor der Rede kämpferisch wie eh´und je.

Parteitag der Linken in Göttingen

„Eines dürfen wir nicht tun, das Wort Spaltung in den Mund nehmen.“ Es gebe weiter viele Gemeinsamkeiten, das Kämpfen für die Arbeitnehmer- und Rentnerrechte. Die Aufgaben in einem Europa, das von Wirtschaftkrisen gebeutelt ist.

Lafontaine will die Linke weiter unterstützen. Das wird er tun, aber nur, wenn sie einigermaßen geeint aus der Lokhalle kommt und nicht, wie Gysi sagt, als zwei Lokomotiven in der Absicht der Selbstzerstörung aufeinander zurast.

Lafontaine zeigt hier in der passenden Umgebung einer Halle, wo früher malocht wurde, dass er noch immer ein Kämpfer und nicht nur Genießer ist. Der große, alte Sozialist hat gesprochen. Gregor Gysi war heute nicht nur körperlich kleiner.

Oskar Lafontaine schreitet zurück zu seinem Platz, setzt sich. Dann, als sich die Fotografenarmada zurückzieht, atmet er tief durch. Lebensgefährtin Sarah Wagenknecht sitzt mit herber Miene 20 Meter entfernt. Sie hat viel applaudiert - bei beiden Rednern.

Das Publikum im Saal ist beeindruckt von den beiden Größen der Linken. Aber: Viele waren auch sprachlos. Denn: Ihnen wurde vor Augen geführt, wie uneins doch diese Linke-Partei ist, welch´ enorme Gräben überwunden werden müssen, wie viel Hass zurückgedrängt werden muss, um wieder klar handeln zu können.

Von Thomas Kopietz

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