Sarrazin stellt kritisierte Passage über Juden richtig - Zentralrat der Juden: Äußerungen „unerträglich“

Sarrazin stellt kritisierte Passage über Juden richtig

Berlin/München. Der Zentralrat der Juden hat Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin nach seinen Äußerungen über Juden Rassismus und das Schüren von Hass vorgeworfen. „Sarrazin hat endgültig eine rote Linie“ überschritten, sagte der Vizepräsident des Zentralrates, Dieter Graumann.

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Der SPD-Politiker stütze sich mit seinen Behauptungen auf die Rassentheorien der Nationalsozialisten. Solche Äußerungen von einem Vorstandsmitglied der Bundesbank seien unerträglich.

Dazu gab Sarrazin gestern über seinen Verlag folgende Erklärung ab:

„Eine Interview-Äußerung von mir hat für Irritationen und Missverständnisse gesorgt, die ich bedauere. Als ich sagte, dass ,alle Juden ein bestimmtes Gen teilen’, habe ich mich nicht hinreichend präzise ausgedrückt. Ich bezog mich - wegen der Interviewsituation leider verkürzt - auf neuere Forschungen aus den USA. Ich bin kein Genetiker. Aber ich habe zur Kenntnis genommen: Aktuelle Studien legen nahe, dass es in höherem Maße gemeinsame genetische Wurzeln heute lebender Juden gibt, als man bisher für möglich hielt.

Sarrazin: Der Provokateur redet Klartext

"Will ich den Muezzin hören, dann reise ich ins Morgenland." © dpa
"Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb." © dpa
"In Deutschland arbeitet ein Heer von Integrationsbeauftragten, Islamforschern, Soziologen, Politologen, Verbandsvertretern und eine Schar von naiven Politikern Hand in Hand und intensiv an Verharmlosung, Selbsttäuschung und Problemleugnung." © dpa
"Besonders beliebt ist es, den Kritikern des Islam mangelnde Liberalität vorzuwerfen." © dpa
"Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden." © dpa
"Fabriken und Dienstleistungen müssen wandern, nicht die Menschen." © dpa
"Der Weg in den deutschen Sozialstaat darf nicht ohne Wegezoll möglich sein." © dpa
"In den USA bekämen sie keinen müden Cent. Deswegen sind sie auch nicht dort." © dpa
"Ich möchte nicht, dass das Land meiner Urenkel in weiten Teilen muslimisch ist." © dpa
"Die Arbeitsmigration der sechziger Jahre hat eine europäische Völkerwanderung in Gang gesetzt." © dpa

Damit ist keinerlei Werturteil verbunden, damit ist auch nichts über eine (...) ,jüdische Identität’ ausgesagt. Die Frage, was aus möglichen genetischen Übereinstimmungen von Bevölkerungsgruppen zu schließen ist, ist vollkommen offen. Entscheidend für politische und wirtschaftliche Sachverhalte, die im Zentrum meines Buches stehen, sind kulturelle Faktoren. Über diese Forschungsergebnisse hatte ich im Berliner ,Tagesspiegel’ gelesen, davor hatte die ,New York Times’ darüber berichtet - und viele andere Medien auch. Die beiden voneinander unabhängigen Studien wurden in den renommierten Fachzeitschriften ,Nature’ und ,American Journal of Human Genetics’ im Juni 2010 veröffentlicht.

Wenn neue genetische Forschungen zeigen, dass viele heutige Juden zahlreiche Gene von einer ursprünglichen jüdischen Bevölkerungsgruppe, die vor etwa 3000 Jahren im Nahen Osten lebte, gemeinsam haben, ist das zunächst einmal interessant. Politisch ist diese These neutral. Um eine rassistische Äußerung handelt es sich nicht.“ (dpa/rie)

Die umstrittene Passage im Wortlautauszug

Im Folgenden die umstrittene ursprüngliche Passage des Interviews von Thilo Sarrazin:

Welt am Sonntag: Gibt es auch eine genetische Identität?

Sarrazin: Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.

WamS: Wir haben also andere Gene als die Menschen hier im türkischen Café?

Sarrazin: Sie bringen mich nicht aus der Ruhe. Ich sage meine Dinge. Bis vor wenigen Jahrzehnten spielte Einwanderung für den Genpool der europäischen Bevölkerung nur eine geringe Rolle und vollzog sich überdies sehr langsam. Drei Viertel der Ahnen der heutigen Iren und Briten waren bereits vor 7500 Jahren auf den Britischen Inseln. Es ist nämlich falsch, dass es Einwanderungsbewegungen des Ausmaßes, wie wir sie heute haben, schon immer in Europa gegeben hätte. Seit der Völkerwanderung gab es solche Verschiebungen nicht mehr. In meinem Buch rede ich zudem nicht von Türken oder Arabern, sondern von muslimischen Migranten. Diese integrieren sich überall in Europa deutlich schlechter als andere Gruppen von Migranten. Die Ursachen dafür sind nicht ethnisch, sondern liegen offenbar in der Kultur des Islam. Vergleichen Sie die Integrationserfolge von Pakistani und Indern in Großbritannien.

WamS: Wer „Kultur“ sagt und „Gene“ und noch lieber „Rasse“ gesagt hätte, der muss mit Vorwürfen rechnen. Sarrazin: Ich bin kein Rassist. (aus: „Welt am Sonntag“, 29.8.)

HNA-Chefredakteur Horst Seidenfaden kommentiert  die Sarrazin-Debatte:

Thilo Sarrazin spaltet die Nation. Das ist nicht verwunderlich, die Themen Migration und Zuwandererintegration sind ein Pulverfass, im Übrigen nicht nur in Deutschland. Zu lange wurde aber hier von einem eher linken Bildungsbürgertum die intellektuelle Lufthoheit reklamiert, verbunden mit dem Anspruch, bestimmen zu dürfen, was und wie argumentiert werden durfte. Sozusagen eine geistige Überreaktion auf die ansonsten gut begründete historische Verpflichtung, jeden Anflug von Rassismus im Keim zu ersticken. Stil und Inhalt der Debatte entsprechen schon lange nicht mehr der Wahrnehmung in der Bevölkerung. Im Endeffekt zeigt jetzt die Diskussion um Sarrazins Thesen, wie sehr der Diskurs in den vergangenen Jahren an der Gefühlslage vieler Menschen vorbei geführt worden ist. Der reflexartige Umgang der Parteien mit Sarrazins Zitaten, die sofort unüberlegt vorgetragene Ablehnung - der Mann wurde zur Galionsfigur der Ungehörten und Unverstandenen im Lande, noch ehe jemand das Buch gelesen hatte. Noch ist Zeit zum Gegensteuern.

Und dabei sollte man sich nicht um Sarrazin kümmern, sondern um eine Politik, die solche Bücher überflüssig macht. Das geht nur, wenn Sorgen und Ängste, die der Einheimischen wie die der Zugezogenen, ernst genommen werden. Höchste Zeit also, auf Volkes Stimme zu hören - egal in welcher Sprache. hos@hna.de

Mehr zu dem Thema lesen Sie in der gedrucken HNA am Dienstag.

Rubriklistenbild: © dpa

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