„Es hätte auch Brüssel treffen können“

Belgischer Journalist: Regierung hat Radikalisierung in Molenbeek zu spät erkannt

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Belgische Einsatzkräfte stürmen am Montag ein Haus im Brüsseler Stadtteil Molenbeek.

Das Brüsseler Stadtviertel Molenbeek, eine von 19 Kommunen der belgischen Hauptstadt, gilt als Hochburg und Rückzugsort radikaler Islamisten.

Wir fragten David Baudoux, den Brüssel-Chef der belgischen Tageszeitung „La Capitale“.

Die Bürgermeisterin von Molenbeek, Françoise Schepmans, hat beklagt, dass es weder eine echte Präventions- noch eine Integrationspolitik gegeben habe. Wie beurteilen Sie das? 

David Baudoux: Die Fehler wurden schon vor längerer Zeit gemacht, und nicht nur in Molenbeek, sondern überall in Belgien, insbesondere in Städten in Flandern. Die Arbeitslosigkeit ist in Molenbeek besonders hoch, junge Menschen bleiben unter sich, allein gelassen von der Kommune - und das mitten in Brüssel!

Was muss getan werden? Reicht es, sozialen Einrichtungen in Molenbeek mehr Geld zu geben? 

Baudoux: Natürlich wurde schon einiges getan. Mehr Geld für den Sport im Viertel und für Schulen - beides ist wichtig. Prävention ist gut, aber wir brauchen auch Repression. Prozentual gesehen ist Belgien das Land in Europa, von dem aus die meisten nach Syrien in den Krieg zogen und sich den Dschihadisten anschlossen. Als wir Journalisten uns vor zwei Jahren mit dem Thema befassten, waren wir überrascht, wie wenig offizielle Kreise davon wussten. Es hat viel zu lange gedauert, bis die belgische Regierung die Radikalisierung einiger Bewohner realisiert hat.

Belgiens Innenminister Jan Jambon sagte gestern, Molenbeek müsse gereinigt werden. Sind das nur Sprüche? 

Baudoux: Die Regierungen in Frankreich und Belgien werden nach den Pariser Attentaten hart reagieren. Frankreich übt da großen Druck auf Belgien aus. Bei uns weiß man aber auch, dass das alles auch in Brüssel hätte geschehen können. Es stimmt, dass sich die Islamisten gut in Molenbeek verstecken konnten, aber es waren meistens französische Staatsbürger.

Wie denken die Menschen in Molenbeek über die traurige Berühmtheit ihres Viertels? 

Baudoux: Unsere Redakteure sind häufig in Molenbeek unterwegs. Das ist ein typisches Brüsseler Viertel. Die Menschen sind von den Attentaten ganz überwiegend genauso berührt wie alle anderen Menschen auch. Es gibt auch keine Solidaritätsbekundungen mit den Terroristen. Nur eine Handvoll Menschen ist radikalisiert. No-Go-Areas, in die sich angeblich niemand hineintrauen kann, gibt es übrigens in Molenbeek nicht. Auch die Polizei kann überall hingehen.

Zur Person

David Baudoux ist Brüssel-Chef der belgischen Tageszeitung „La Capitale“. Der 30-Jährige hat Politikwissenschaft und Journalismus studiert. Im Brüsseler Stadtviertel Molenbeek kennt er sich gut aus.

Hier lesen Sie unseren Liveticker zu den Anschlägen in Paris.

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