Agenten-Ehepaar soll Nato-Dokumente für Moskauer Geheimdienst besorgt haben

Haft für russische Spione

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Agenten: Die Frau mit dem Aliasnamen Heidrun Anschlag erhielt fünfeinhalb Jahre Haft, ihr Mann sechseinhalb Jahre.

Stuttgart. Die Tochter soll bis zum Schluss von nichts gewusst haben. Erst als das Bundeskriminalamt an die Tür ihres Elternhauses in Marburg klopfte, muss der Medizinstudentin klar geworden sein, dass etwas in ihrem Leben ganz anders war, als sie bis dahin dachte.

Ihr Vater war da schon von einer GSG 9-Einheit verhaftet worden, in der Nähe von Stuttgart, wo er unter der Woche arbeitete. Wie ein Schlag muss es die Tochter getroffen haben: Ihre Eltern sind die wichtigsten russischen Agenten, die seit dem Kalten Krieg in Deutschland aufgeflogen sind. Gestern wurden sie zu sechseinhalb und fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt.

Als Andreas und Heidrun Anschlag stand das Paar vor dem Oberlandesgericht Stuttgart – wie sie tatsächlich heißen, wissen nicht einmal die Richter, und auch nicht, woher sie kommen. Die Tochter dachte, dass ihre Mutter aus Peru und der Vater aus Argentinien stamme. Vielleicht hat sie sich manchmal gewundert, dass ihre Eltern so völlig ohne spanischen Akzent sprachen. Vielleicht fielen daheim auch vereinzelt russische Sätze, obwohl die Eltern doch angeblich österreichische Staatsbürger waren. Nach Österreich war das Paar vor Jahrzehnten aus Südamerika eingewandert. Dort beschafften sie sich gefälschte Dokumente, die sie als Andreas und Heidrun Anschlag auswiesen. Lange Jahre später fand die Zeit in der Alpenrepublik einen leicht sentimentalen Niederschlag: Als Agenten benutzten sie den Decknamen „Alpenkuh“.

1990 zogen sie nach Deutschland, studierten, bekamen ein Kind. Erst später schlossen sie sich politischen und wissenschaftlichen Vereinigungen an, besuchten Debattierzirkel, knüpften Kontakte. Ab dieser Zeit etwa berichteten sie in Abständen nach Moskau: Wen sie wo trafen, was die Leute so machten, wer interessant sein könnte als Informant für den russischen Geheimdienst SWR.

Heiß wurde der Draht, als die beiden einen Diplomaten kennenlernten, der im Außenministerium der Niederlande in Den Haag arbeitete. Er hatte Zugang zu Nato- und EU-Papieren und ließ sich von den Agenten bezahlen. Mehrere hundert politische und militärpolitische Dokumente sollen sie über ihn beschafft haben. Die USB-Sticks deponierten sie zur Übergabe in Erdlöchern. Ihre Mitteilungen nach Moskau funkten sie über Kurzwelle, verschlüsselt. Um sich mit der Zentrale zu verständigen, hinterließen sie auch Nutzerkommentare unter Fußballervideos auf der Internet-Plattform Youtube.

Für ihre Dienste erhielten sie zuletzt 100 000 Euro pro Jahr aus Moskau. Fast 700 000 Euro soll das Paar gespart haben. Wo das Geld ist, wissen nur die beiden.

Für Anklage und Gericht steht fest, dass Andreas und Heidrun Anschlag von Anfang an als Spione geführt wurden und ihre erste Legende in Südamerika geschaffen wurde, um dies zu verschleiern. „Sie lieferten ihrem Heimatland aus nächster Nähe einen Blick in die deutsche Seele“, sagte die Vorsitzende Richterin. Ob die Anschlags in Revision gehen, steht noch nicht fest (Az.: 4b-3 StE 5/12)

Von Tatjana Coerschulte

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