"Der Konflikt kann nicht durch Gewalt gelöst werden - auch nicht durch Staatsgewalt"

Aktivistin aus dem Hambacher Forst: „Wir lassen uns von RWE nicht vertreiben“

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Protest in luftiger Höhe: Aktivisten haben mit Baumhäusern den Hambacher Wald besetzt, um RWE an Rodungsarbeiten zu hindern oder diese zumindest zu verzögern.

Seit Donnerstag werden die Baumhäuser der Braunkohlegegner im Hambacher Forst geräumt. Die Umweltschützer geben trotzdem nicht auf. Hier erklärt eine Aktivistin, wie ihre Heimat von RWE zerstört wird. 

Der Energiekonzern RWE rodet seit vielen Jahren den Hambacher Wald zwischen Köln und Aachen für den Braunkohletagebau. Im Oktober sollen die Rodungsarbeiten wieder aufgenommen werden. Mehr als 100 der verbliebenen 200 Hektar Wald werden dann abgeholzt. Dagegen regt sich seit Jahren Widerstand. Im Kerpener Stadtteil Buir ist seit 2007 eine Initiative aktiv. Wir sprachen bereits vor der Räumung mit Antje Grothus, die zudem in der von der Bundesregierung eingesetzten Kohlekommission sitzt.

Seit vielen Jahren kämpfen Sie mit Ihrer Initiative gegen den weiteren Braunkohletagebau – bislang ohne Erfolg. Warum glauben Sie noch immer daran, dass ihr Protest etwas bewegen kann?

Antje Grothus: Zunächst muss ich sagen, dass ich mich an dem Wort „kämpfen“ störe. Ich mag die Kriegsrhetorik nicht, die dieser Tage hier an den Tag gelegt wird.

Ist die Stimmung derzeit so aufgeheizt?

Grothus: Ja. Wir als Initiative versuchen deshalb, die besonnenen Kräfte rund um den Wald zu stärken.

Das Video stammt nicht von hna.de, sondern von der Plattform Glomex.

Erst kürzlich brannte ihr Bündnismobil aus. Sie selbst gehen von Brandstiftung aus. Ist friedlicher Protest rund um den Hambacher Wald überhaupt noch möglich?

Grothus:Das haben wir erst am vergangenen Wochenende gezeigt, wo 1126 Menschen friedlich durch den Wald spaziert sind. Das ist ein Protest, wie wir ihn uns wünschen. Er hilft, die Situation hier in Buir zu befrieden. Aber ich muss zugeben: Angesichts solcher Ereignisse wie dem ausgebrannten Bündnismobil ist es gerade emotional sehr schwierig, die Ruhe zu bewahren.

Sind daran nicht auch gewaltbereite Braunkohle-Gegner schuld?

Grothus:Es gibt auf allen Seiten Menschen in diesem Konflikt, die gar keine friedliche Lösung wollen. Wir haben diese Menschen mehrfach aufgefordert, erst gar nicht in unseren Wald zu gehen beziehungsweise ihn wieder zu verlassen. Die Ursache des Konfliktes ist die Kohle, gewaltsam kann dieser gesellschaftliche Konflikt nicht gelöst werden. Auch nicht durch Staatsgewalt.

Direkt vor Ihrer Haustür liegt der Wald, den sie als Naherholungsgebiet nutzen. Künftig werden Sie dort vielleicht nicht mehr mit ihren Töchtern spazieren gehen können.

Grothus: Wenn es soweit kommen sollte, würde der Braunkohletagebau uns hier viel Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nehmen. Vergangenheit, weil Menschen nicht mehr an den Ort ihrer Kindheit zurückkönnen. Gegenwart, weil viele schon jetzt nicht mehr den Wald für Spaziergänge nutzen, weil ihnen die Rodungen zu nahe gehen. Und Zukunft, weil man seinen Kindern und Enkeln den Wald vielleicht nie zeigen kann. Erst kürzlich sagte mir ein Buirer, dass der Hambacher Wald der Spielplatz seiner Jugend war. Und das wünscht er sich auch für seine Enkel. Das zeigt, der Braunkohletagebau nimmt uns sehr viel.

Die Buirer haben also eine sehr emotionale Bindung zum Hambacher Wald?

Grothus: Natürlich. Der Wald hat zudem eine ganz wichtige Schutzfunktion für uns hier in Buir vor dem herannahenden Tagebau. Er ist der Filter von Grob- und Feinstaub sowie Licht- und Lärmemissionen. Wir streiten hier für den Erhalt unserer Lebensqualität vor Ort. Und ich glaube bis zum Schluss an eine reelle Chance, die weitere Rodung des Hambacher Waldes zu stoppen. Der Druck auf die Landesregierung und RWE nimmt zu. Es wäre wider alle Vernunft den Wald zu roden, da gar nicht klar ist, ob die darunter liegende Kohle überhaupt noch gefördert wird.

Nimmt RWE Sie und Ihre Interessen überhaupt ernst?

Grothus: Den Eindruck habe ich nicht. Wir haben zwar viele Gespräche geführt und ich persönlich habe zwei Reden bei Hauptversammlungen von RWE gehalten. Sogar eine Unterschriftensammlung zum Erhalt des Hambacher Waldes und Rettung des Klimas habe ich übergeben. Dennoch ist bei RWE nie angekommen, wie betroffen die Menschen davon sind, dass Bagger sich Tag und Nacht auf ihr Zuhause zu bewegen. Da fehlt jegliche Empathie.

Umgekehrt wird Ihnen vorgeworfen, dass Sie nicht an die Arbeitsplätze denken, die am Braunkohletagebau hängen.

Grothus:Ja, von einigen. Aber ich bin mit Betroffenen im Dialog. Wichtig ist mir, dass wir uns trotz unterschiedlicher Meinung weiter als Menschen begegnen. Natürlich mache auch ich mir Gedanken um die Arbeitsplätze. Ich wünsche mir einen sozial verträglichen Ausstieg aus der Braunkohle. Für uns Betroffene waren der Braunkohletagebau und die -verstromung aber noch nie sozialverträglich. Die Diskussion darf daher nicht auf den Erhalt von Arbeitsplätzen reduziert werden.

Aber das ist doch für RWE-Arbeiter im Braunkohletagebau die entscheidende Frage?

Grothus: Jedem Menschen sollte es wichtig sein, einen zukunftsfähigen Arbeitsplatz zu haben. Und die derzeitige Diskussion verunsichert die RWE-Mitarbeiter. Damit muss Schluss sein. RWE muss langfristig sichere Arbeitsplätze schaffen. Dass die in Zeiten der Klimakrise nicht mehr im Kohlesektor liegen werden liegt auf der Hand.

Dennoch könnte der letzte Rest des Hambacher Waldes bald verschwunden sein. Verlassen Sie dann Ihre Heimat?

Grothus: Meine Familie und ich überlegen schon seit Jahren, wie lange wir das noch aushalten können. Bislang haben wir uns aber immer gesagt: Wir lassen uns von RWE nicht vertreiben und setzen uns für den Erhalt des Waldes ein.

Zur Person

Antje Grothus (54) lebt seit 24 Jahren im Kerpener Stadtteil Buir. Die Mutter dreier Töchter hat Haushalts- und Ernährungswissenschaften an der Universität Bonn studiert. Sie arbeitet bei der Klima Allianz Deutschland, einem Zusammenschluss mehrerer Organisationen für den Klimaschutz, als Koordinatorin für die Kohlepolitik in Nordrhein-Westfalen. Derzeit ist sie jedoch freigestellt, um in der von der Bundesregierung eingesetzten Kohlekommission mitzuarbeiten.

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