Shopping-Trend: Produktion hinter Gittern

Handtaschen vom Haftwerk: Hessens Gefängnisse verkaufen bei Ebay

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Im Knast gemacht und voll im Trend: Zum Sortiment gehören nicht nur handgenähte Taschen. Es gibt auch Schachspiele und Brillenetuis. 

Wiesbaden. 70 Artikel aus hessischer Knast-Produktion gibt es jetzt im Internet zu kaufen. Bei Ebay bietet das Label „Haftwerk“ ein Sortiment aus 16 hessischen Justizvollzuganstalten an.

Was machen eigentlich die Leute, die sicher verwahrt hinter den Mauern hessischer Haftanstalten sitzen, den ganzen Tag sonst so? Sie nähen Handtaschen aus alten Kaffeesäcken, Yogakissen aus feinem Brokat oder Schlüsselanhänger für Einkaufswagenchips, bei 30 Grad waschbar. Andere bauen Minibars in Form von Vogelhäuschen oder drechseln Pilze aus dem Holz einer Birke, die auf dem Gelände der JVA Frankfurt gefällt werden musste.

Zu haben sind die Artikel aus hessischer Knast-Produktion jetzt auch im Internet. Bei Ebay bietet das Label „Haftwerk“ ein Sortiment aus 16 hessischen Justizvollzuganstalten feil. Den Versand besorgt zentral die JVA Wiesbaden. Dort hat der Ausbildungslehrgang Logistik auch die Kartons in verschiedenen Größen entwickelt – ob ein Brillenetui mit Totenkopf-Muster, eine gusseiserne Feuerstelle oder das Schachspiel mit Figuren aus Porzellan-Gips. Das Spiel, ein Einzelstück, ist für 65 Euro zu haben, das Brillenetui für 5,50 Euro.

In deutschen Gefängnissen herrscht Arbeitspflicht

In Hessens Gefängnissen sitzen rund 4800 Männer und Frauen ein. Es geht im Vollzug nicht nur um Strafverbüßung, sondern auch um soziale Wiedereingliederung nach der Haft. Auch deshalb können die Gefangenen in Eigenbetrieben wie Schreinereien, Bäckereien oder Schlossereien antreten. Nicht zuletzt auch, weil in allen deutschen Gefängnissen Arbeitspflicht herrscht – weit unter Mindestlohn allerdings.

„Beim Internetshop geht es weniger um Profit, sondern darum, auf die Arbeit der Häftlinge aufmerksam zu machen“, sagt Hessen Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU). Reich wird hier keiner. „Haftwerk“-Erträge fließen wieder in den Strafvollzug, heißt es im Ministerium. Von dem Geld werde unter anderem neues Material für die Werkstätten gekauft.

Viel länger als in Hessen sind Niedersachsens Gefängnisse mit ihrem Warenangebot im Netz. Der damalige Justizminister Christian Pfeiffer schickte schon im Januar 2001 den JVA-Shop online. Der ist 17 Jahre nach dem Start deutlich professioneller aufgemacht als der virtuelle Laden der hessischen Newcomer.

Grill-Zubehör aus niedersächsischen Gefängnissen

Die Niedersachsen haben sich aufs Grillen spezialisiert: Roste in allen Formen und Größen, das Spitzenmodell zu 1430 Euro, Zubehör satt. Der Bestseller Modell Uelzen ist für 375 Euro zu haben. Die JVA Celle schneidert Schürzen und Baumwollgurte, in denen Richter und andere ihre Akten schleppen können. Roben – auch sie für Richter, ab 205 Euro maßgefertigt – werden derzeit nicht online angeboten. Aus der JVA für Frauen in Vechta stammen Leckereien der Serie „Justiz-Irrtum“. So haben die PR-Fachleute des Knastshops das Naschwerk Angebot aus Sanddorn getauft – Likör, Gelee und Tee.

Mit ihrer Arbeit hinter Gittern haben Häftlinge in Niedersachsen 2017 einen Umsatz von rund 20 Millionen Euro erwirtschaftet. Davon wurden ihnen rund fünf Millionen Euro als Lohn ausgezahlt. Der Rest geht in die Kosten des Strafvollzugs, Gewinne werden mit der Gefangenenarbeit nicht erzielt, heißt es aus dem Justizministerium in Hannover. 

T-Shirts und Unterhosen aus dem Knast

Online-Direktverkauf aus Haftanstalten gibt es auch in Bayern, NRW, Sachsen oder Brandenburg. Ein früher Behördenshop öffnete 2003 seine Pforten am Berliner Standort des Bundesnachrichtendienstes (BND), damals die Gardeschützenkaserne, auch für Nicht-Schlapphüte. BND-Präsident August Hanning hatte die Idee aus den USA mitgebracht – als ein Stück Eigenwerbung. Renner, zumindest in Artikeln über den BND-Shop, waren T-Shirts mit Aufdruck „Spezialagent im Einsatz“ oder die Unterhose mit „Nur für den Dienstgebrauch“, Stück zu 10,20 Euro. Aus haushaltsrechtlichen Gründen soll der Shop irgendwann dichtgemacht haben. Man denke über die Wiedereröffnung nach, hieß es gestern vom BND. Aber nicht mehr mit Unterhosen. 

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