Beweislage nach Unfällen schwierig

Handy und Smartphone am Steuer: Kölner Polizei kassiert Geräte ein

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Verboten und trotzdem die Regel: Autofahrer, die nebenher mit dem Handy am Ohr telefonieren.

Kassel. Plaudern, simsen, twittern, Mails checken: Die Quote der Autofahrer, die illegal mit einer Hand ihr Auto steuern und mit der anderen ihr Handy oder Smartphone, steigt mit der Zahl der verkauften Geräte. Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, nennt das Problem dramatisch.

Polizei und Unfallforscher vermuten hinter vielen Unfällen Fahrer, die vor dem Crash am Handy abgelenkt und in Gedanken irgendwo waren. Kölns Polizei will jetzt vermehrt Mobiltelefone und Minicomputer mutmaßlicher Unfallverursacher kassieren.

Die Beweislage aber ist schwierig: Wenn’s kracht, lassen Fahrer Handys oft schnell verschwinden, sagte Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), unserer Zeitung. Zeugen helfen da vielleicht, aber Smartphones oder iPads auf dem Schoß des Fahrers seien von außen kaum zu sehen.

Die Zahl von Unfällen mit ungeklärter Ursache steigt - Handys und Taschencomputer gelten als Hauptverdächtige. Ein grauenhafter Todesfall am Kölner Ostkreuz wird gern dafür zitiert: Dort krachte eine 24-Jährige mit ihrem Auto ungebremst in ein Stauende. Die Frau starb in ihrem Wagen unter dem Sattelauflieger eines Lkw. Auf ihrem Schoß fanden Polizeibeamte ein Handy mit angefangener SMS. Opfer telefonierender Autofahrer, die laut Gewerkschafter Wendt „wie im Blindflug“ daherkommen, sind aber auch Unbeteiligte: unachtsam übersehene Radler oder Kinder etwa.

Kölns Polizei zieht jetzt andere Saiten auf. Mit Staatsanwaltschaft und Gericht habe man sich auf ein neues Vorgehen geeinigt, sagte Polizeidirektor Helmut Simon kürzlich dem Kölner Stadtanzeiger: Bei Unfällen mit schwer Verletzten und Toten sollen routinemäßig nicht nur das Fahrzeug, sondern auch das Handy des mutmaßlichen Verursachers sichergestellt werden. Das ist datenschutzrechtlich allerdings heikel und juristisch umstritten. „Über die Auswertung entscheidet das Gericht“, stellte Simon klar.

Bußgeld schreckt kaum

Das Bußgeld von 40 Euro für Telefonierer oder SMS-Tipper am Steuer schreckt nicht groß. Dass sich das mit 60 Euro ab Mai ändert, ist eher unwahrscheinlich. Schon 2011 räumten bei einer Repräsentativstudie der Allianz- Versicherung 40 Prozent der Handybesitzer ganz offenherzig ein, die Handynutzung am Steuer nicht ganz auszuschließen. 30 Prozent gaben das Lesen, 20 Prozent das noch gefährlichere Schreiben von SMS-Nachrichten während der Fahrt zu. „Etwa jeder zehnte Verkehrsunfall ist maßgeblich durch ablenkendes Verhalten der Autofahrer verursacht,“ sagte Allianzvorstand Mathias Scheuber damals.

Zu sicher dürfen sich hartnäckige Autotelefonierer trotz Beweisproblemen aber nicht fühlen. Das Oberlandesgericht Hamm bestätigte im Oktober 2013 ein Vorinstanzurteil, das einem Autofahrer das Handybußgeld auf 80 Euro verdoppelte und noch einen Monat Fahrverbot draufpackte. Der Mann war Wiederholungstäter und auch als Raser unangenehm aufgefallen (Aktenzeichen 3 RBs 256/13).  

Von Wolfgang Riek

Das sagt Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft: „Dieses Delikt können wir nur mit mehr Personal bekämpfen.“ Wendt gegenüber unserer Zeitung weiter: „Die Leute sind leichtsinnig und ignorieren, dass sie im Blindflug unterwegs sind, wenn sie während der Fahrt telefonieren oder SMS schreiben.“ Höhere Kontrolldichte im Straßenverkehr sei das eine. Das andere seien Überlegungen, nach Unfällen Handys zu beschlagnahmen und zu kontrollieren, ob die direkt vor dem Crash in Betrieb waren. „Davon halte ich sehr viel“, so Wendt. Dieser Schritt sei „für die Unfallforschung sehr wichtig, dadurch könnte die Schuldfrage einwandfrei geklärt werden. Ich bin mir sicher, dass die Statistik mit Blick auf die Unfallursache Handy oder Smartphone sehr ungenau ist.“

• Dass Polizei Handys und Smartphones kassiere, scheitere aber „regelmäßig an der Verhältnismäßigkeit. Zumindest bei kleineren Unfällen.“ (bms)

Das sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV): Um verbotenen Handytelefonaten am Steuer als Unfallursache zuverlässig auf die Spur zu kommen, fehlen der Forschung noch die richtigen Methoden. „Man sitzt nicht daneben, und keiner bezichtigt sich selbst“, so Brockmann gegenüber unserer Zeitung.

• Auch wenn’s nicht verboten ist: Für widerlegt hält der Unfallforscher die Ansicht, Telefonieren mit Freisprechanlage sei weniger gefährlich als mit Handy am Ohr. Entscheidend sei die Ablenkung des Autofahrers durchs Gespräch, die so oder so immer Konzentration aufs Verkehrsgeschehen koste.

• Im Sinne der Gefahrenminimierung, sagt Brockmann, müsste man Telefonieren und Tippen beim Fahren komplett verbieten. Der Staat mache sich allerdings lächerlich mit Verboten, die nicht wirksam zu kontrollieren seien. (wrk)

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