Ist das noch angemessen? Harsche Kritik an Topverdienern

Spitze nicht nur unter den Dax-Managern: VW-Chef Martin Winterkorn (64) verdient im vergangenen Jahr 17,4 Millionen Euro.

Kassel. Seit bekannt wurde, dass VW-Vorstandschef Martin Winterkorn im Jahr 2011 ein Spitzengehalt von 17,4 Millionen Euro erhielt, wird wieder diskutiert, was angemessen ist und was nicht. Ist es eine Neiddebatte oder die Diskussion über soziale Ungerechtigkeit?

2009 hatte der Bundestag ein „Gesetz zur Angemessenheit der Vorstandsvergütung“ beschlossen, darin allerdings nicht beziffert, welche Höhe angemessen ist.

Spitze nicht nur unter den Dax-Managern: VW-Chef Martin Winterkorn (64) verdient im vergangenen Jahr 17,4 Millionen Euro.

„Kein Topmanager ist das 300- oder 400-fache eines einfachen Angestellten wert. Solch hohe Beträge verderben die Sitten und auch die Gehaltsstrukturen“, findet beispielsweise Lutz Goebel, Präsident des Verbandes der Familienunternehmer. Dieser vertritt die Ansicht, dass die Vergütung fünf Millionen nicht übersteigen sollte.

Das entspricht auch dem Stimmungsbild in der Bevölkerung. Laut einer Forsa-Umfrage für das Handelsblatt haben die meisten Deutschen kein Verständnis für die hohen Gehälter von Managern. 71 Prozent der Befragten finden, dass auch erfolgreiche Manager, die gute Gewinne einfahren, kein Millionengehalt bekommen sollten.

Kein Verständnis für solche Kritik hat der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther: „In Deutschland hat kaum jemand Probleme damit, dass Schauspieler und Fußballstars Millionen im Jahr verdienen. Nur bei Managern regt sich der Neid - obwohl sie es sind, die die Arbeitsplätze schaffen.“

Wenig Verständnis

Nach Informationen des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen arbeitet ein Viertel aller Arbeitnehmer für einen Niedriglohn von neun Euro oder weniger pro Stunde. Was denken diese Menschen, wenn ein Herr Winterkorn das 50-fache der Bundeskanzlerin, das 180-fache eines Professors oder 15 Mal so viel wie ein Nobelpreisträger bekommt?

Dagoberte gibt es auch im Sport: Basketballstar Dirk Nowitzki (33) kommt auf ein Jahresgehalt von 14,6 Millionen Euro.

Eine Erzieherin in Vollzeit erhält 2200 Euro brutto im Monat und hat nach Steuern und Sozialabgaben nur noch 1400 Euro auf dem Konto. Ein Martin Winterkorn bekäme bei einem Jahresgehalt von 17,4 Millionen monatlich 1,45 Millionen Euro. Sicher arbeitet ein Topmanager pro Woche mehr als eine Erzieherin, doch Fakt ist: Die Kluft zwischen Spitzen-, Normal- und Niedrigverdienern in Deutschland wächst und nähren den Boden für die Diskussion um Managergehälter.

Doch in Deutschland klagen zumindest die Arbeitnehmer der Mittelschicht auf hohem Niveau. Das Durchschnittseinkommen eines Vollzeitbeschäftigten lag 2010 laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bei 3227 Euro im Monat. Während die Gehälter der Dax-Chefs durchschnittlich bei 4,5 Millionen Euro lagen.

Laut dem Tarifarchiv der Hans-Böckler-Stiftung sind die Löhne der normalen Beschäftigten zwischen 2003 und 2011 nur um rund 18 Prozent gestiegen. Inflationsbereinigt ist von diesen Gehaltssteigerungen kaum etwas übrig geblieben. Die Einkommen der Führungsetagen haben sich dagegen im gleichen Zeitraum etwa verdoppelt. Das geht aus den Daten der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hervor, die jährlich die Gehälter der Vorstandschefs zusammenträgt. ´

Hintergrund: Das verdienen andere

Nicht mehr im Millionenbereich, aber mit 194 000 Euro pro Jahr verdient Bundeskanzlerin Angela Merkel immer noch gut, wenn auch weniger als Ex-Bundespräsident Christian Wulff mit 199 000 Euro Ehrensold.

Eine Fachärztin nimmt jährlich im Schnitt 68 500 Euro mit nach Hause. Ein Journalist bekommt durchschnittlich 35 000 Euro Jahresgehalt. Deutlich weniger verdient ein Bauarbeiter. Im Schnitt beträgt dessen Jahresgehalt 32 000 Euro. Eine Erzieherin muss in Deutschland im Schnitt mit 26 000 Euro pro Jahr auskommen. Weitere 1000 Euro weniger bekommen beispielsweise Fassadenreiniger. Unter 20 000 Euro Jahresgehalt verdienen in der Regel festangestellte Friseure. (jmo)

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