ARD-Talk zum Erbe von 68

Familie als Hort des Faschismus? Langhans bringt Dorothee Bär (CSU) bei „Hart aber fair“ zur Weißglut 

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Am Montagabend stritt sich bei „Hart aber fair“ eine unterhaltsam bunte Runde über das Vermächtnis der 68er. 

Bei „Hart aber fair“ spielte sich am Montag Erstaunliches ab: Eine 50 Jahre alte Debatte lief zu neuer Hochform auf. Dorothee Bär (CSU) konnte sich dank Rainer Langhans‘ Anwesenheit kaum auf dem Stuhl halten.

Berlin - „Unter grauen Haaren der Muff von 50 Jahren“ lautete der pointierte Titel der „Hart aber fair“-Sendung am Montagabend. Das implizierte: Genau die Generation, die vor 50 Jahren das Land veränderte, verschläft jetzt selbst - inzwischen alt und bräsig - zeitgenössische Entwicklungen. Das kommt einem bekannt vor. Und ja, gleich zu Beginn der Sendung zitierte Gastgeber Frank Plasberg den CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, der Anfang des Jahres von einer „konservativen Revolution“ gesprochen hatte, die auf die linke Revolution der Eliten folgen solle.

Diesem Statement Dobrindts konnte seine Parteifreundin, Staatsministerin Dorothee Bär, nur beipflichten. Den 68ern könne sie nichts Gutes abgewinnen: Sie seien intolerant, obwohl sie selbst Toleranz „wie eine Monstranz vor sich hertragen“. Frauen etwa, die sich freiwillig dazu entscheiden, zu Hause zu bleiben, würden sie nicht akzeptieren. „Deshalb hat es die 68er Null gebraucht“, lautete Bärs Fazit. Vielleicht hätte sich die Bundesrepublik sogar besser entwickelt, wenn es die 68er nicht gegeben hätte, mutmaßte die Fränkin. 

Rainer Langhans: Damals wie heute

Rainer Langhans, Deutschlands vielleicht bekanntester Alt-68er und Ex-Mitglied der berühmt-berüchtigten Kommune 1, zeigte sich von solchen Ansichten wenig überzeugt. Tatsächlich gleichen seine Thesen noch denen, die er vor 50 Jahren zum Besten gab. Unter seinen grauen Locken, so schien es - und war so ja auch das Motto der Sendung - hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel verändert. Ex-Außenminister Joschka Fischer nannte er einen „dicken Spießer“, der nicht die Institutionen verändert habe, sondern von den Institutionen verändert worden sei. 

Alsbald begann Langhans von Mördergenen und dergleichen zu philosophieren. Er habe mit der Kommune 1 damals versucht, den „Nazi in uns aufzufinden und irgendwie unschädlich zu machen“. Als Langhans dann sagte, er stehe noch genau wie vor 50 Jahren zu seiner Ansicht, die Kleinfamilie sei ein „Hort der Faschisten“, platzte Dorothee Bär der Kragen: Langhans habe nichts für die Gesellschaft getan, schimpfte sie. Die von ihm diffamierten Kleinfamilien gingen hingegen jeden Tag zur Arbeit, damit er auch eine Rente bekommt. „Selten so hyperventiliert in einer Sendung“, zischte die CSUlerin zornig, als Langhans weiter seine Reden schwang.    

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Fleischhauer als Korrektiv schiefer Ansichten

Der Berliner Ex-Oberbürgermeister Klaus Wowereit erinnerte Dorothee Bär dann an eines: Ohne die 68er dürfte sie „überhaupt nicht hier sitzen als Staatsministerin, sondern müsste zu Hause den Haushalt schmeißen“, behauptete er. Auch die Feministin Stefanie Lohaus blies in dieses Horn - wobei sie den kleinen, aber feinen Unterschied machte, dass die Vorkämpferinnen des Feminismus gegen die 68er gekämpft hätten, da diese die Frauenfrage als nebensächlich betrachteten. Da stimmte ihr der konservative Spiegel-Journalist Jan Fleischhauer zu. Der erinnerte auch daran, dass mit Willy Brandt schon zwei Jahre vor 1968 eine progressive Figur Vizekanzler geworden sei. 

Fleischhauer fiel in der polemischen Sendung ohnehin angenehm differenziert auf, besonders als er Dorothee Bär den Zahn zog, Alexander Dobrindt und seine konservative Revolution verteidigen zu müssen. Die CSU-Frau beschwerte sich über die „Schnappatmung in den Redaktionen“ als links-liberale Reaktion auf Dobrindts Thesen. Die Feministin Lohaus mahnte an, Dobrindt habe einen „rechtsextremen Begriff aus der Weimarer Republik“ gebraucht, bei dem es um die Rückkehr ins Kaiserreich, Nationalismus und Militarismus gegangen sei.  

Diese grundsätzlich historisch richtige Beobachtung könnte man mithin als kleinlich bezeichnen, da wohl selbst Alexander Dobrindt sich nicht ins Kaiserreich zurückwünscht. Einen scharfsinnigen Einwand hatte aber Jan Fleischhauer auf Lager: „Ich glaube, Frau Bär, Herr Dobrindt ist da nicht zu retten“, sagte er süffisant. „So zu tun, als ob die 68er durchregiert hätten“, bezeichnete er als Unsinn und spottete, 16 Jahre Helmut Kohl seien Dobrindt wohl entgangen. Doch seiner Meinung nach sind Bildungswesen und Kulturbetrieb in Deutschland nach wie vor von den 68ern bestimmt. Die Wirtschaft nicht -  deshalb sei Deutschland auch wirtschaftlich führend. 

Michaela May warnte vor Rückkehr der Geschichte 

Die Schauspielerin Michaela May brachte den schon von Langhans eingebrachten Nazi-Aspekt noch einmal weniger ideologisch aufgeladen ins Spiel. Sie sei 1968 erst 16 gewesen und habe die Zeit als lange überfälliges Aufarbeiten der Weltkriegsverbrechen erlebt. Während ihrer Schulbildung habe der Geschichtsunterricht einfach im Jahr 1935 aufgehört. Ihr Vater habe viel vom Krieg erzählt und sie gewarnt: „Pass auf, die Geschichte hat gezeigt, dass Juden alle 80 Jahre wieder verfolgt werden.“ „Ich finde, wir sind jetzt wieder da“, erzählte May. Fast 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Lage wieder gefährlich

So war May neben Fleischhauer und Klaus Wowereit eine gemäßigte Stimme in einer polarisierten Runde. Von Mäßigung konnte vor allem bei Rainer Langhans nicht die Rede sein, der mit seinen steilen Thesen auch den linken Gästen den Atem raubte. Wowereit etwa sah sich veranlasst den Alt-Linken zu maßregeln, als der plötzlich von autistischen Kindern als „wunderbar“ sprach, die sich nicht mehr in die alte Welt hineinziehen ließen. Er tue damit allen Unrecht, die von Autismus betroffen sind, kritisierte Wowereit. Dafür erntete er tosenden Applaus. 

50 Jahre nach 1968 - und das war eine positive Einsicht der Sendung - denken viele Linke und Konservative differenzierter als damals. Langhans war da die Ausnahme. 

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Laurenz Gehrke

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