Herbert Schäfer sah als Kind perfiden Trick, wie jüdische Flüchtlinge um alles gebracht wurden

„Helfer“ führten Juden in die Falle

Ende der Dreißigerjahre: Maria Schäfer, geborene Niedt aus Spangenberg, mit dem kleinen Herbert auf dem Schoß und Vater Adam in seiner Zollgrenzschutz-Uniform.

Das Thema: Als kleiner Junge erlebte der Nordhesse Herbert Schäfer, wie die Nazis fliehende Juden systematisch um ihr Hab und Gut brachten - sein eigener Vater war daran beteiligt. Jetzt hat der Autor seine Erinnerungen in einem packenden Buch niedergeschrieben.

Spangenberg. Herbert Schäfer ist neun Jahre alt, als er herausbekommt, was mit der „Aktion Gnadenlos" gemeint ist. Sein Vater, SA-Sturmführer mit mannshohem Adolf-Hitler-Bild im Haus und vielen hochrangigen Nazi-Freunden, ist Zollgrenzschützer des deutschen Reichs im besetzten Luxemburg. In dieser Winternacht 1942/43 in Petingen (französisch Pétange) unmittelbar an der Reichsgrenze zu Belgien muss Adam Schäfer ganz in der Nähe des von ihm für seine Familie gemieteten Hauses mit einem Trupp von Wachschutzmännern für einen besonderen Einsatz ausrücken. Ein von gefährlichen Verbrechern geplanter Devisenschmuggel soll verhindert werden.

Und in der Tat: Mitten in der Nacht, der kleine Herbert Schäfer beobachtet die Aktion aus dem verdunkelten Fenster seines Elternhauses, tauchen im Mondschein am Waldrand die Verbrecher auf: knapp 30 Männer und Frauen. Weil noch Schnee liegt, hat Herbert Schäfers Mutter eigens weiße Laken opfern müssen, um den lauernden Wachschutzleuten Tarnüberzüge zu nähen.

Doch was ist das? Die Menschen, die wenige Minuten später mit vorgehaltener Waffe vor das Haus Adam Schäfers geführt werden, sind auffallend gut gekleidet. Es sind 28 junge und alte Leute, Frauen und Männer, keine Kinder. Niemand wehrt sich, alle machen einen deprimierten Eindruck. Da greift einer der Männer in seine Anzugjacke, wirft eine große Menge Tausend-Reichsmark-Scheine in die Luft und ruft: „Da haben Sie's. Darum geht's Ihnen doch."

Andere aus der Gruppe tun es ihm nach. Bald ist die nasse Piste mit Scheinen übersät. Die Wachschützer rufen „Saujuden!" und wollen sich auf die Gruppe stürzen. Adam Schäfer verhindert dies. Die Wachschützer, bald schon unterstützt von Herbert Schäfers Mutter und Großmutter, müssen sich selbst nach dem Geld bücken. Sie füllen Dienstmützen und Waschkörbe damit. Stundenlang werden die Scheine im Hause Schäfer in dieser Nacht gesäubert und getrocknet.

Erst später erfährt Adam Schäfer, welche Art „Verbrecher" da so scheinbar zufällig vor das Haus seiner Familie gestolpert sind: Es sind jüdische Deutsche aus dem ganzen Reichsgebiet, mehrere aus Hessen, Niedersachsen und Thüringen. Fluchthelfer, die in Wahrheit belgische Kollaborateure der Nazis waren, haben die Flüchtlinge in Absprache mit der Geheimen Staatspolizei der Nazis (Gestapo) hierher gelockt - auf den vermeintlich lebensrettenden Weg zum belgischen Widerstand und dann nach England.

Wie der Zollgrenzschützer Schäfer bald erfährt, gibt es Aktionen dieser Art entlang der gesamten Reichsgrenze, auch noch etwa zehn, zwölf Mal in Petingen.

Der Gestapo geht es nicht nur um das letzte Hab und Gut, welches die Flüchtlinge am Leib tragen. Die Flucht und der sogenannte Devisenschmuggel dienen als juristischer Vorwand, die betreffenden Familien vor ihrer Ermordung komplett zu enteignen.

Für die Schäfers bricht in dieser Nacht eine vermeintlich wohlgeordnete Welt zusammen. Als Ehefrau des zuständigen Zollgrenzschützers muss Maria Schäfer die Flüchtlingsfrauen im nahe gelegenen Zollkommissariat anal und vaginal auf versteckte Diamanten untersuchen. „Unerfreuliche Konsequenzen" für ihre Familie werden Maria Schäfer angedroht, als sie sich zunächst weigert.

Als der Morgen graut, werden die Gefangenen auf einem Militär-Lastwagen abtransportiert, wohl zunächst in das SS-Lager Hinzert im Hunsrück, berüchtigt für willkürliche Erschießungen. Herbert Schäfers Vater bekommt wenig später das „Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern" überreicht - vor den Augen seines Sohnes in dem Petinger Haus.

Zur Person

Herbert Schäfer (79) wurde 1934 im osthessischen Großenmoor bei Hünfeld geboren. 1945, nach Krieg und Tod des Vaters bei einem Fliegerangriff Heiligabend 1944, zog die Familie in das nordhessische Spangenberg, wo Herbert Schäfer aufwuchs und heute lebt.

Er studierte Medizin und Naturwissenschaften, arbeitete für Tages- und Wochenzeitungen, auch für die Kasseler Post und die Hessischen Nachrichten in Kassel, sowie als Redakteur für das ZDF. Als Autor und Redakteur berichtete er aus Kriegsgebieten und schrieb Bücher, vor allem über Verbraucherthemen. Der Vater zweier Töchter ist verwitwet.

Hintergrund: Nazis stahlen und raubten jüdisches Eigentum

Die Nationalsozialisten enteigneten seit 1933 jüdisches Eigentum. Nach den Pogromen vom 9. November 1938 verhängte Hermann Göring zynischerweise eine „Sühneleistung“ von einer Milliarde Reichsmark gegen die deutschen Juden. Viele mussten daraufhin Wertpapiere, Schmuck und Häuser weit unter Wert verkaufen. Den Juden geraubtes Gut aus den besetzten Ländern wurde im Reich versteigert. Viele nichtjüdische Deutsche profitierten von der Not der Verfolgten. Der Historiker Götz Aly schreibt sogar, dass letztlich fast alle Deutschen von dem europaweiten Raubzug der Nazis profitierten.

Eine ganz normale Nazi-Familie

Stärke des Buchs liegt in der Verbindung von persönlicher und großer Geschichte

Das Erlebnis mit den verratenen jüdischen Flüchtlingen ist nur eine - wenn auch zentrale - Episode in Herbert Schäfers Buch „...bis der Hitler im Moor versank!“ Mit seinem Tagebuch aus Jungen-Tagen als wichtigster Quelle führt der Autor die Leser in die Zeit seiner Kindheit und beginnenden Jugend zurück. In vielen interessanten, oft auch spannenden Kapiteln gelingt ihm lesenswert und substanzreich ein Brückenschlag zwischen der großen und seiner ganz persönlichen Geschichte.

Rückblick auf eine Kindheit zwischen persönlicher Familiengeschichte und großer Politik: Autor Herbert Schäfer in seinem Haus im nordhessischen Spangenberg.

Wir erfahren, wie der im nordhessischen Fritzlar ausgebildete Artillerist Adam Schäfer Zollgrenzschützer wird und wie so viele andere auch zunächst ohne Zweifel Nationalsozialist. Wir lesen über Herbert Schäfer als „Pimpf“ in den „Spielscharen“ der Hitlerjugend. Und wir sehen mit seinen Augen, wie das Nazi-Reich sich nach und nach seines Glanzes und seiner Größe entblättert und schließlich zusammenbricht.

Nach einem Heimat-Besuch im von Bomben verwüsteten Kassel berichtet die tief verstörte Maria Schäfer ihrer Familie, wie die Menschen dort von vielen ermordeten Juden berichteten und wie verzweifelt sie den Zusammenbruch des Nazireichs erwarteten. Ihr Mann reagiert entsetzt, will sich an die Ostfront versetzen lassen. Doch stattdessen landet er beim berüchtigten Sicherheitsdienst (SD) der „Schutzstaffel“ SS. Angesichts des bis dahin eher als gutmütigen Mitläufer geschilderten Mannes ist das schwer nachvollziehbar.

Wie aus dem einstigen Grenzschützer ein Antisabotage-Spezialist an einer V1-Abschussanlage in der Eifel werden kann, bleibt in Herbert Schäfers Erinnerungen denn auch im Dunklen. Die Solidarität des Autors mit seinem Vater ist auch sonst offensichtlich. Doch statt möglicher Schuldzuweisungen in der Familie punktet der Autor, indem er aus Kindersicht das ganz normale Leben einer ganz normalen Nazi-Familie darstellt - bis hin zum in einer Sickergrube versenkten Hitlerbild aus dem Familienbesitz und dem langsamen, aber kontinuierlichen Ende von Hitlers „Mein Kampf“ auf dem Klo.

Wie Tausende andere SS-Männer auch liegt der gefallene Adam Schäfer heute auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg. 1985 erntet Bundeskanzler Helmut Kohl erbitterte Kritik, als er diesen Toten zusammen mit US-Präsident Ronald Reagan Ehre erweist. Auch hier treffen große und persönliche Geschichte in Schäfers Buch wieder zusammen. Gern hätte man mehr erfahren über die erfolglosen Versuche des Autors bei Behörden und Archiven, dem Schicksal der verratenen jüdischen Flüchtlinge aus seiner Kindheit nachzuspüren. Schäfers Vermutung, die möglichen Ergebnisse dieser Recherche würden wegen ihrer Brisanz auch heute noch bewusst verschwiegen, muss daher eine Vermutung bleiben.

• Herbert Schäfer „...bis der Hitler im Moor versank!“, 236 Seiten, Bernecker Verlag (Tel. 05661-731-0), 14,80 Euro.

Von Tibor Pézsa

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