Er starb am Nachmittag im Alter von 96 Jahren - Ein Nachruf

Altkanzler Helmut Schmidt ist tot

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Altkanzler Helmut Schmidt starb am 10. November im Kreis seiner Familie in Hamburg.

Altkanzler Helmut Schmidt ist tot. Der 96-Jährige starb am Dienstagnachmittag in Hamburg.

Das bestätigte sein behandelnder Arzt Heiner Greten. Sein Gesundheitszustand hatte sich in den letzten Tagen dramatisch verschlechtert.

Der Sozialdemokrat starb nach Angaben seines Arztes Heiner Greten am Dienstag gegen 14.30 Uhr im Alter von 96 Jahren in seiner Heimatstadt Hamburg.

Seine Familie hatte sich gewünscht, dass Helmut Schmidt seinen 97. Geburtstag am 23. Dezember 2015 noch erleben kann. Doch wie das Hamburger Abendblatt schreibt, rechneten seine engsten Verwandten bereits seit einigen Tagen mit dem Schlimmsten - Helmut Schmidts Gesundheitszustand wurde als dramatisch bezeichnet.

Die SPD-Bundestagsabgeordneten haben am Dienstag während der laufenden Fraktionssitzung vom Tod des früheren SPD-Bundeskanzlers erfahren und seiner spontan mit einer Schweigeminute gedacht.

In seinen letzten Stunden war der Altkanzler nicht allein, sondern im Kreise seiner Familie. Auch Helmut Schmidt Tochter Susanne, die in Großbritannien lebt, war angereist, um bei ihrem Vater sein zu können. Wie Schmidts Arzt der Bild-Zeitung sagte, sei Schmidt zuletzt nicht mehr ansprechbar gewesen.

Ein Nachruf

Helmut Schmidt – ein Verantwortungsethiker im Bundeskanzleramt

Im Alter vermisste er vor allem die Musik. „Ich würde mich freuen, wenn ich wieder Musik hören könnte“, sagte Helmut Schmidt einmal. „Doch das kann mir niemand schenken. Keine Hörhilfe schafft das.“ Der passionierte Klavierspieler verzichtet dennoch nicht aufs Musizieren: „Aber ich weiß nicht, wie sich das anhört, was ich spiele.“ Jetzt ist Helmut Schmidt, Bundeskanzler von 1974 bis 1982, in seiner Heimatstadt Hamburg gestorben.

Er hat sich fast bis zuletzt eingemischt ins politische Leben, gab Interviews zur Schuldenkrise, schrieb Bücher zur Weltpolitik, und empfahl seiner Partei den Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Im Fernsehen zeigte Schmidt sich gewohnt schroff und rauchte ungeniert. Seit einigen Jahren saß er im Rollstuhl, Ehefrau Loki bis zu ihrem Tode 2010 meist an seiner Seite.

Den Deutschen wird er in Erinnerung bleiben: tatkräftig und entschlussfreudig, ausgestattet mit eiserner Disziplin und hoher Intelligenz – geradezu der Idealtypus eines Regierungschefs. Dass dieses Bild bis heute Bestand hat, hat auch damit zu tun, dass viele Bürger zustimmen konnten, als er sich 1982 nach seinem Sturz durch Helmut Kohl und die abtrünnige FDP mit den Worten verabschiedete: „Alles in allem haben wir es nicht so schlecht gemacht.“

In der Tat konnte sich seine Bilanz sehen lassen: Mit Schmidt auf der Brücke des Staatsschiffes wurde die Bundesrepublik mit den Stürmen der Ölkrise besser fertig als viele Nachbarn; im deutschen Herbst 1977 setzte er im Kampf gegen den Terrorismus der Roten Armee Fraktion (RAF) alles auf eine Karte und siegte; der europäischen Einigung gab der Wirtschaftsfachmann entscheidende Impulse. Das Modell Deutschland trug Schmidts Stempel. Dass er und seine Regierung am Ende den Fragen von Friedensbewegung und Umweltschützern ratlos gegenüberstanden, gehört allerdings ebenfalls zu seiner Bilanz.

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Doch es gibt vielleicht noch tiefere Ursachen für das hohe Ansehen Helmut Schmidts – vor allem bei den Älteren. Das hat zu tun mitFragen von Schuld und Unschuld während der Nazizeit. Gunter Hofmann, jahrzehntelang aufmerksamer Beobachter der Bonner Szene, wies in einem Essay einmal darauf hin: So wie Willy Brandt, der Widerstandskämpfer und Emigrant, nach dem Krieg ein Repräsentant der befreiten Minderheit gewesen sei, so war Schmidt (und vorher Konrad Adenauer) ein Repräsentant der besiegten großen Mehrheit. In Schmidt konnten sich viele wieder finden, als er der deutschen Mehrheit konzedierte, sie habe deutlich empfunden, dass man eigentlich dagegen sein musste – aber jeder werde für sich selbst wissen, ob er wirklich dagegen gewesen sei.

Krieg und Gefangenschaft haben Schmidt tief geprägt. Für ihn waren viele Soldaten „prädisponiert“ für den Sozialismus, „wenn dessen Träger das bloß richtig begriffen hätten“. Im Grunde stecke nämlich hinter dem Kameradschaftserleben des Krieges und der Gefangenschaft dasselbe Solidaritätsprinzip, wie es auch die Sozialdemokraten pflegten.

Dieses Denken hat ihm früh das Wort Herbert Wehners eingebracht, Schmidt habe den Sozialismus im Offizierskasino gelernt. Ihm fehle die sozialdemokratische Patina, hieß eine andere Sottise. Und tatsächlich schlug Schmidt von der Partei auch sehr viel weniger Herzlichkeit oder gar Sentimentalität entgegen als etwa Willy Brandt oder Herbert Wehner.

Kein Wunder. Schmidt hielt selbst oft demonstrativ Distanz zur Partei. Seiner Popularität außerhalb der SPD kam das zugute. Er sei eigentlich in der falschen Partei, hieß es bei manchen Konservativen. Denn Schmidt hatte nur wenig Verständnis für das Bedürfnis vieler junger Linker nach sozialen Utopien und ideologischem Überbau. Ende der 60er-Jahre sprach er mit Blick auf die Jungsozialisten gerne von den Spinnereien halbfertiger Akademiker.

Seine Stunde schlug denn auch erst, als nach der Aufbruchstimmung der Brandt-Ära („Wir wollen mehr Demokratie wagen“) wieder mehr Nüchternheit gefragt war. Kontinuität und Konzentration hieß folgerichtig das Motto seiner Regierungserklärung 1974.

Er begriff sich als Verantwortungsethiker im Sinne der von ihm verehrten Philosophen Max Weber und Karl Popper. Die Politik solle nicht Fragen stellen, auf die sie keine Antworten habe, lautete einer seiner Schlüsselsätze. Und wer Visionen brauche, solle zum Augenarzt gehen.

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Dass der vor einigen Jahren verstorbene Peter Glotz ihm deshalb einen „abgemagerten Politikbegriff“ bescheinigte und Oskar Lafontaine dasböse Wort in die Welt setzte, mit den von Schmidt gelobten Sekundärtugenden könne man auch ein Konzentrationslager leiten, mag den nüchternen Hamburger getroffen haben, anmerken ließ er sich das nicht. Schmidts Ansehen haben solche Anwürfe eh nicht geschmälert.

In seinem Verständnis von Staatsführung ging es stets um das Handwerk der Exekutive, Politik war für Schmidt ein professioneller Beruf. Der Kanzler als Manager der Macht, als leitender Angestellter der Bundesrepublik Deutschland. Diesen Beruf übte er stets souverän und diszipliniert aus.

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