Der Soldat im Kanzleramt

Helmut Schmidt wird heute 96 – Buch untersucht Jugend und Kriegszeit

Leutnant der Luftwaffe: Helmut Schmidt im Frühjahr 1940. Zweimal war Schmidt im „Scheißkrieg“ von „Adolf Nazi“ (Zitate Schmidt) an der Front, vor Leningrad und vor Moskau. Ansonsten war er als Sachbearbeiter oder Ausbilder in der Etappe eingesetzt. Fotos: dpa

Wissen wir nicht eigentlich alles über Helmut Schmidt? Ist nicht schon alles über ihn erzählt und geschrieben worden? Jetzt hat eine Journalistin Jugend und Kriegszeit Schmidts näher untersucht.

Zu den aufschlussreichsten Momenten in Heinrich Breloers Dokudrama „Todesspiel“ über den Terrorherbst 1977 gehören die Szenen aus dem Krisenstab, den Helmut Schmidt zusammengerufen hatte. Breloers Film zeigte vor fast 20 Jahren, an welchen Maßstäben sich die Handelnden im Bonner Kanzleramt bei ihren Überlegungen zum Umgang mit Terroristen und Geiseln zu orientieren versuchten. Schmidt (SPD), Franz Josef Strauß, Friedrich Zimmermann (beide CSU), Wolfgang Mischnick (FDP) und Horst Herold, der Chef des Bundeskriminalamtes, hatten den Krieg noch an der Front erlebt. Die Entscheidung im deutschen Herbstnannte Breloer deshalb die Stunde der Leutnants. Die Generation der Väter zog noch einmal in den Krieg.

Dass das Soldatische den Menschen und den Politiker Helmut Schmidt zutiefst beeinflusst haben, ist also keine neue Erkenntnis. So hat er es selbst immer erzählt, so haben es seine Biographen zumeist dargestellt. Auch Sabine Pamperrien sieht das so: Eindeutige Befehlsketten, klare Strukturen und Ordnung, Kameradschaft als Einstehen für den anderen, Fürsorge für den Schwächeren seien die Werte, die Schmidt im Innersten prägten.

Leutnant der Luftwaffe: Helmut Schmidt im Frühjahr 1940.

Für ihr Buch erhielt sie von Schmidt die Genehmigung, seine Wehrmachtsakte und andere bisher unter Verschluss befindliche Unterlagen einsehen zu dürfen. Nachfragen und Bitten um Stellungnahmen blieben allerdings unbeantwortet. Vielleicht, weil Schmidt ahnte, dass Pamperrien Zweifel an seinen bisherigen Darstellungen äußern würde?

Im Buch schreibt sie jedenfalls, die Aktenlage weiche in einigen Punkten von Erinnerungen und Erzählungen Schmidts ab. Sie zitiert unter anderem aus einer im Freiburger Militärhistorischen Archiv gefundenen Beurteilung von Vorgesetzten des Luftwaffen-Leutnants Schmidt. In der heißt es, er stehe „auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung“. Die Autorin folgert, Schmidt sei „von Nazi-Ideologie kontaminiert“ gewesen. Vom „Spiegel“ dazu befragt, sprechen Militärhistoriker allerdings von Standardformulierungen, die nichts über die wahre Haltung des jeweiligen Soldaten aussagten.

Interessant – wenn auch nicht neu – bleibt darüberhinaus höchstens die Darstellung, wie Schmidt nach dem Krieg mehrfach bei Veranstaltungen der HIAG, der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Waffen-SS“ auftrat. Eine von Naivität oder Unwissenheit geprägte Dankbarkeit mag da bei Schmidt vorgelegen haben. Nach dem Motto: „Wenn links oder rechts von uns Einheiten der Waffen-SS lagen, dann konnten wir beruhigt schlafen.“

Das sind Sätze, wie sie viele seiner Generation nach dem Krieg immer wieder gesagt haben. Dass er sich nie davon distanzierte, hat Jüngere verwundert, ja empört. Es hat ihm aber – über Parteigrenzen hinaus – die Zuneigung vieler Älterer gesichert.

• Helmut Schmidt und der Scheißkrieg von Sabine Pamperrien, Piper-Verlag, 352 Seiten, 19,99 Euro.

Zur Person: Helmut Schmidt

• 23. Dezember 1918: Helmut Schmidt wird in Hamburg-Barmbek als Sohn eines Studienrats und seiner Frau geboren.

• Nach dem Abitur 1937 Reichsarbeitsdienst und Wehrdienst, anschließend ist Schmidt Soldat im Zweiten Weltkrieg (letzter Dienstgrad: Oberleutnant).

• Am 27. Juni 1942 heiratet Schmidt Hannelore Glaser („Loki“). Ein behindert geborener Sohn stirbt 1944, Tochter Susanne kommt 1947 zur Welt.

• 1946-1949: Studium der Volkswirtschaft und Staatswissenschaft in Hamburg.

• 1953-1962: SPD-Bundestagsabgeordneter (Spitzname: Schmidt-Schnauze).

• 1961-1965: Schmidt ist in Hamburg Innensenator und leitet 1962 entschlossen die Rettungsarbeiten nach der Flutkatastrophe.

• Seit 1965 erneut Bundestagsabgeordneter. 1967-1969 in der Zeit der großen Koalition SPD-Fraktionschef.

• 1969-1974: Verteidigungsminister, dann Finanzminister im sozial-liberalen Kabinett Brandt.

• 16. Mai 1974: Nach dem Rücktritt Brandts wird Schmidt zum Bundeskanzler gewählt. In seine Regierungszeit fallen die Gründung des Weltwirtschaftsgipfels und der Terror der linksextremistischen Rote Armee Fraktion, der 1977 im „Deutschen Herbst“ mündet.

• Oktober 1981: Schmidt bekommt einen Herzschrittmacher.

• 1. Oktober 1982: Nach dem Bruch der sozial-liberalen Koalition wird Schmidt mit einem konstruktiven Misstrauensvotum als Kanzler abgewählt; sein Nachfolger wird Helmut Kohl.

• 1983: Schmidt wird Mitherausgeber der Wochenzeitschrift „Die Zeit“.

• 2010: Ehefrau Loki stirbt 91-jährig.

Von Wolfgang Blieffert

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