Punktedatei für junge Intensivtäter: Polizei und Innenminister ziehen erste Bilanz

Die Hemmschwelle wirkt

Andreas Twardowski

Hannover. Sie rauben Handtaschen, zocken Handys ab, verprügeln Mitschüler: Minderjährige Intensivtäter verbreiten Angst und Schrecken; die Gesellschaft reagiert oft hilflos. Mit regelmäßigen „Gefährderansprachen“ sowie einer engen Zusammenarbeit mit Schulen und Jugendämtern versucht Niedersachsens Polizei, die Jugendlichen von ihrer kriminellen Karriere abzubringen.

116 Intensivtäter zwischen 14 und 18 Jahren zählte die Polizei im vergangenen Jahr in Niedersachsen, nachdem das Innenministerium im August ein landesweit einheitliches Erfassungssystem nach Punkten eingeführt hatte (siehe Hintergrund). Ab 35 Punkten muss die Polizei entscheiden, ob der Delinquent als Intensivtäter eingestuft und einem Maßnahmenbündel unterzogen wird.

Trauriger Spitzenreiter ist ein 17-Jähriger aus Stade, der mit 70 Straftaten von Raub über Körperverletzung bis zur Sachbeschädigung über 200 Punkte angehäuft hat und derzeit eine mehrmonatige Haftstrafe abbrummt. Bei der Polizeidirektion (PD) Osnabrück waren 28 Intensivtäter registriert, in Braunschweig 24, in Hannover 23, in Lüneburg 21 sowie in Oldenburg und Göttingen je zehn. Im Schnitt begeht ein Täter 26,5 Delikte. Auch drei Mädchen waren darunter.

Viele Täter hätten sich durch eine „gesteigerte Gefühlskälte“ hervorgetan, berichtete Innenminister Uwe Schünemann (CDU) gestern in Hannover. Oftmals sei das soziale Umfeld zerstört gewesen, bei etlichen habe es sich auch um renitente Schulverweigerer gehandelt. „Wir mussten reagieren.“

Fallkonferenzen, bei denen sich die Polizei mit Jugendämtern, Staatsanwaltschaft und Schulen abspricht, und Gefährderansprachen, bei denen die Beamten die Täter regelmäßig alle zwei Wochen aufsuchen und ermahnen, gehören zum Konzept.

„Wir bauen Hemmschwellen auf“, erklärte Polizeihauptkommissar Andreas Twardowski aus Salzgitter. „Wir wollen verhindern, dass der weitere Weg dieser Jugendlichen in die Haft führt.“ Anfangs habe er dem Konzept skeptisch gegenübergestanden, inzwischen sei er davon überzeugt. Bei zwei von ihm betreuten Jugendlichen habe sich ein Zwischenerfolg eingestellt. Ein 16-Jähriger habe sein Punktekonto von 40 auf 26 gesenkt und werde demnächst als weniger gefährlich eingestuft. Und ein 17-Jähriger, der durch etliche Rohheitsdelikte 68 Punkte angehäuft hatte, ist laut Twardowski seit November sauber, absolviere eine berufliche Fortbildung und sei in einem Laden mit längerer Perspektive beschäftigt. „Das neue System hat sich aus meiner Sicht voll bewährt.“

Von Peter Mlodoch

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