HNA-Analyse

Warum SPD-Kandidat Peer Steinbrück Kanzlerin Merkel gefährlich werden kann

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.

Die Partie kann beginnen: Der Schachspieler Peer Steinbrück (65, SPD) fordert Amtsinhaberin Angela Merkel (58, CDU) zum Duell. Der Kandidat hat Freitag den ersten Zug gemacht: Ja, ich will’s. Es geht um die Kanzlerschaft. Eine Analyse von Jörg S. Carl.

2008, im schlimmen Jahr der globalen Finanzkrise, wurden sie von den Medien noch als großkoalitionäres Traumpaar gefeiert. Sie ergänzten sich als katastrophentrotzendes Tandem, das dem um seine Ersparnisse fürchtenden Bundesbürger Vertrauen einzuflößen versuchte. Hier die standhafte, zugleich warmherzig wirkende Kanzlerin Merkel; dort der sachverständige, kühle Finanzminister von den Sozialdemokraten, denen der sinnvolle Umgang mit Geld traditionell nicht so recht zugetraut wird.

Der Problemerklärer Steinbrück allerdings strahlt Kompetenz aus. Das ist sein unverwechselbares Markenzeichen, seine größte Stärke. In Berlin bestreitet das ernsthaft niemand. Er hat Expertenwissen, er denkt strategisch-analytisch und er ist pragmatisch.

Er weiß im Gegensatz zu vielen anderen im aufgeregten, zu Selbstüberschätzung verführenden Politikbetrieb genau, wovon er redet. Die Komplexität der Steinbrück’schen Rhetorik versteht zwar längst nicht jeder Bundesbürger, aber eines ist sicher: Der Kanzlerin kann der Herausforderer auf allen Themenfeldern auf Augenhöhe begegnen. Selbst die staatsmännische Haltung traut man dem mitunter schnoddrig daherkommenden Hanseaten zu. Er ist selbstsicher, wortgewandt und anpassungsfähig.

Ankündigung im TV

Dass Steinbrück Kanzler „kann“, hat bereits SPD-Ikone Helmut Schmidt via TV verkündet. Man erinnert sich nur ungern an dieses klebrige Stück Selbstinszenierung, mit dem aus der SPD-Troika letztlich eine Ein-Mann-Schau gemacht werden sollte. Aber der Kandidat wird damit gut leben: Fernsehverkündigungen gehören zum Geschäft, und ein Lob vom altersweisen Lehrvater der Sozialdemokratie hat noch niemandem geschadet.

Viele in der eigenen Partei rümpften dennoch die Nase, weil Steinbrück den Anschein erweckte, den kettenrauchenden Politikphilosophen für seine Ambitionen eingespannt zu haben. Ein Eigentor war es mitnichten. Steinbrück macht’s jetzt, und Schmidt hat nicht übertrieben oder gar gelogen: Die SPD-Spitze hat den besten und aussichtsreichsten Kandidaten aus den vorhandenen Möglichkeiten ausgesucht. Wenn es einer kann, dann Steinbrück.

Er kann zudem kämpfen – mit feiner Klinge ebenso wie mit schwerer Streitaxt. Merkel wird das zu spüren bekommen. Steinbrück hat Lust auf Angriff, pflegt die Ironie und kann dabei unterhaltsam sein. Die Kanzlerin wird im Wahlkampf ihre strapazierte Regierungstaktik, Probleme schlicht wegzumoderieren, reduzieren und selbst die Attacke reiten müssen.

Neben seinem Hang zu arroganter Attitüde und mitunter verletzendem Mundwerk hat Steinbrück nur noch einen wunden Punkt: die eigene Partei. Der Ex-NRW-Ministerpräsident, der noch keine Wahl gewonnen, aber Gerhard Schröders Agenda 2010 stets verteidigt hat, muss die Basis und vor allem den linken Flügel von seinen Fähigkeiten erst noch überzeugen. Auch diese Partie ist seit gestern eröffnet.

Von Jörg S. Carl

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