Geringe Belegung: Hessens einziger "Kinderknast" macht Miese

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Blick in ein Zimmer des Jugendhilfezentrums Don Bosco im osthessischen Sinntal-Sannerz, Hessens einzigem geschlossenen Kinderheim, aufgenommen am Mittwoch (12.09.2012). Acht kriminelle, aber strafunmündige Kinder zwischen zehn und 13 Jahren können im Heim untergebracht und therapiert werden. Ihre Betreuung im geschlossenen Teil soll laut Konzept nicht länger als zwei Jahre dauern.

Hessen. Das Land Hessen sah Bedarf für ein geschlossenes Kinderheim, um darin Intensivtäter unterzubringen. Doch ein halbes Jahr nach der Eröffnung ist mehr als die Hälfte der Plätze nicht belegt. Die Jugendämter sind zurückhaltender als gedacht. Das hat Folgen für den Träger.

Hessens einziges geschlossenes Kinderheim schreibt wegen schlechter Auslastung rote Zahlen. "Die Einrichtung macht Minus", sagte Heimleiter Pater Christian Vahlhaus der Nachrichtenagentur dpa. Eigentlich sollten laut Plan nun alle acht Plätze belegt sein. Doch derzeit seien, ein halbes Jahr nach der Eröffnung, nur drei Jungen in Sinntal (Main-Kinzig-Kreis) untergebracht.

Dabei hatte das Sozialministerium in Wiesbaden bei der Eröffnung eindeutig Bedarf für geschlossene Therapieplätze gesehen. Bis zu acht kriminelle, aber strafunmündige Kinder zwischen 10 und 13 Jahren können in der intensivpädagogischen Wohngruppe untergebracht werden. Von Kritikern wird die Einrichtung als "Kinderknast" verschrien.

Vahlhaus erklärt sich die Zurückhaltung damit, dass sich die Jugendämter erstmal einen Eindruck von dem geschlossenen Kinderheim machen wollten. "Viele wollen sich das erstmal anschauen." Es gebe zahlreiche lose Anfragen. Aber: "Die zu geringe Belegung stellt für den Träger eine unheimliche finanzielle Herausforderung dar", räumte Vahlhaus ein. Zahlen wollte er nicht nennen.

Die geschlossene Wohngruppe ist dem Jugendhilfezentrum in Sinntal-Sannerz angegliedert. Träger ist der katholische Salesianerorden Don Bosco. Der Bau der Einrichtung wurde mit 1,3 Millionen Euro vom Land Hessen bezuschusst, damit schwer verhaltensauffällige Kinder nicht mehr in Häuser benachbarter Bundesländer geschickt werden müssen. Potenzielle Kandidaten für die je 12,5 Quadratmeter kleinen Zimmer sind Kinder, die bereits Körperverletzungen, Einbrüche und Diebstähle begangen haben.

Die Therapie mit den drei Jungen habe große Fortschritte gemacht, sagte Vahlhaus. "Alle konnten bereits in Begleitung die Einrichtung verlassen. Die Geschlossenheit diente anfangs nur als Schutzraum." Die Kinder sähen die Wohngruppe als neue Heimat an, die ihnen Chancen biete. "Sie sollen langsam Fuß fassen und ins Leben zurückfinden."

Derzeit gäbe es Pläne, einen vierten Bewohner aufzunehmen, sagte Vahlhaus. Der Zwölfjährige aus Baden-Württemberg sei bereits wegen aggressiven Verhaltens, Diebstahls und Schulschwänzens aufgefallen.

Seit der Schließung des letzten Heims dieser Art 1978 hatte es in Hessen keine vergleichbare Einrichtung gegeben. Das Land hatte aber zuletzt wieder Bedarf gesehen: Laut dem Sozialministerium hat eine Umfrage unter den Jugendhilfeträgern ergeben, dass von 2005 bis 2011 45 minderjährige Straftäter in Nachbarländern untergebracht wurden.

Die Einrichtung wirkt wie ein Landschulheim mit verschließbaren Türen. Auf dem Hof sind diverse Sportgeräte installiert. Der lichtdurchflutete Bau bietet auch einen Fitness-Raum, in dem sich die Kinder beim Boxen abreagieren können. Alle Möbel in den Zimmern sind fest verankert, um Vandalismus wenig Angriffsfläche zu bieten. (dpa)

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