Nach Drama am DDR-Zaun von 1962: Ex-Westgrenzer wurde 1998 ermordet

Bis heute ungeklärt: Wer erschoss Hans Plüschke?

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Hans Martin Plüschke als junger BGS-Mann.

Der Fall gehört zu den rätselhaftesten der deutsch-deutschen Geschichte. Ein Bundesgrenzschützer erschießt am 14. August 1962, heute vor 50 Jahren, einen DDR-Soldaten. Als sich der Schütze lange nach der Wende offenbart, wird er kurz darauf 1998 selbst erschossen.

Sommer 1962, ein Jahr nach dem Bau der Berliner Mauer - jetzt riegelt die DDR auch die Grenze zwischen Hessen und Thüringen völlig ab. Am 14. August, heute vor 50 Jahren, treffen bei Rasdorf-Setzelbach, ein paar Kilometer östlich von Hünfeld, Posten aus Ost- und Westdeutschland aufeinander. Drüben in der Zone bauen 200 DDR-Grenzsoldaten einen stabilen Zaun. Dann fallen Schüsse. Ein Kompaniechef der Grenztruppen, Hauptmann Rudi Arnstadt (35), feuert ohne Vorwarnung mit einer Pistole. Ob die Schüsse der Bundesgrenzschutz-Streife im Westen galten oder einen Fluchtversuch eigener Leute stoppen sollen - beide Versionen werden gehandelt.

Die BGS-Patrouille sieht sich als Ziel der Attacke. Der damals 23 Jahre alte Oberjäger des Bundesgrenzschutzes (BGS), Hans Martin Plüschke, erwidert das Feuer. Eine Kugel trifft Arnstadt oberhalb des rechten Auges tödlich. Plüschke sagt später, er habe nicht gezielt, sondern sei nach den Schüssen aus dem Osten herumgefahren und habe aus der Hüfte mit dem Schnellfeuergewehr einfach abgedrückt.

Die Staatsanwaltschaft Fulda stellt das Verfahren bald ein: Plüschke habe in Notwehr gehandelt. Die DDR hingegen spricht von westdeutschen Provokationen und Mördern - die Propaganda baut Arnstadt zum Grenz-Märtyrer auf.

Wer den tödlichen Schuss abgab, bleibt geheim. Der Schütze und die Behörden schweigen. Plüschke scheidet 1970 aus dem BGS aus und baut im nahen Hünfeld eine Taxifirma auf. Aus Furcht vor Rache aus dem Osten trägt er oft eine Waffe. „Ich hatte die meiste Angst davor, dass die meine Kinder entführen“, sagt der fünffache Vater 1997 in einem Fernsehinterview zum 35. Jahrestag der Schüsse. Darin bekennt sich Plüschke erstmals öffentlich, 1962 den tödlichen Schuss auf den DDR-Grenzer abgegeben zu haben.

Bronzetafel des DDR-Grenzers Rudi Arnstadt.

Sieben Monate später ist er tot. Am 15. März 1998 fährt Plüschke Taxi-Nachtschicht. Um 4.10 Uhr wird er erschossen, die Leiche wird 70 Meter von seinem BMW entfernt am Straßenrand entdeckt. Die Kugel hat ihn - so wie den DDR-Grenzer Arnstadt - über dem rechten Auge getroffen. Zufall? Der Tatort an der B 84 ist nur acht Kilometer vom Tatort des Jahres 1962 entfernt. Plüschkes Geldbörse und Papiere interessieren den Mörder nicht. Vom Täter fehlt jede Spur. 2008 stellen Spezialisten des Landeskriminalamts am Auto des Opfers und an dessen Kleidung mit neuen Methoden DNA-Spuren fest. Auch das hilft aber nicht weiter.

„Wir sind mehr als 100 Spuren nachgegangen - ohne Erfolg“, sagt der Fuldaer Staatsanwalt Harry Wilke. Auch die Möglichkeit, dass der Mord von 1998 ein Racheakt war, sei intensiv geprüft worden. „Wenn es neue Spuren gibt, gehen wir ihnen nach“, sagt Wilke. Mord verjährt in Deutschland nicht. (dpa)

„Die Rache war angekündigt“ - Ex-Kollege schrieb Buch zum Tod am DDR-Zaun

Herbert Böckel (72) war dabei, als sich heute vor 50 Jahren Ost- und Westgrenzer am Zaun ein Feuergefecht geliefert haben. Der BGS-Mann und spätere Polizist geht fest davon aus, dass der Mord an seinem Ex-Kollegen Hans Martin Plüschke 1998 ein später Racheakt der Stasi war.

Für ein jüngst im Eigenverlag veröffentlichtes Buch hat Böckel Indizien zusammengetragen, die das untermauern sollen - gegen andere Hypothesen, die in Ost und West kursieren. Plüschkes tödlicher Schuss auf den DDR-Grenzer Rudi Arnstadt war Notwehr, sagt Böckel: Schutz für einen wehrlosen Kollegen, der von Arnstadt mit der Waffe bedroht wurde.

Die DDR-Propaganda verklärte Arnstadt gezielt zum Helden. Straßen, Schulen und Pionierlager wurden nach dem toten Grenzer benannt. Tatsächlich, so Böckel, habe Arnstadt damals einen BGS-Offizier entführen wollen - als Tauschobjekt für den kurz zuvor bei der Flucht eines NVA-Pioniers in den Westen gelangten russischen Artillerieschlepper neuester Bauart.

Böckel: „Die Rache an Plüschke war angekündigt“ - durch Zurufe über die Grenze, Racheschwüre im DDR-Fernsehen und Telefonanrufe. Auch ein Großonkel des Opfers, wie das Leben so spielt DDR-Grenztruppenmajor, habe ihm gesagt: „Die Stasi lässt Zielpersonen nie frei!“ Der Mörder habe sich wohl als Fahrgast ausgegeben, sagt Böckel, und sein Opfer vom Beifahrersitz aus erschossen.

Böckel, Herbert: „Der zweifache Tod im Schatten der Grenze - Dokumentation eines Dramas“, ISBN 978-3-00-037161-5, 17,90 Euro, Tel.: 06631 / 6250

Von Wolfgang Riek

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