Historiker Heinz A. Richter im HNA-Interview

„Den Staat zu bestehlen, hat in Griechenland Tradition“

Notwendige Reformen werden immer wieder auf die lange Bank geschoben: Und wenn sie angepackt werden, wird vor dem Parlament protestiert. Archivfoto: dpa

In Athen verhandelt die Regierung mit den europäischen Partnern über ein drittes Hilfspaket. Der Historiker Heinz A. Richter ist skeptisch, ob sich im Land wirklich etwas ändern wird. Denn in Griechenland sei jahrhundertelang Klientelpolitik betrieben worden. Ein Interview:

Als im Europa der Renaissance überall die allgemeine Modernisierung begann, wurde durch die osmanische Herrschaft in Griechenland ein Führungssystem geschaffen, unter dessen Auswirkungen Griechenland noch heute leidet. Wie kam es zu diesem Klientelsystem? 

Heinz A. Richter: Zunächst wurde von den Osmanen fast die gesamte griechische Führungsschicht ausgelöscht, damit die Griechen nicht mehr zu Aufständen fähig waren. Übrig blieben die Dorfbürgermeister, die Muchtare, denen nun eine Scharnierfunktion zukam: Sie waren einerseits Beschützer der Bevölkerung, andererseits waren sie den Osmanen gegenüber verantwortlich, dass in ihrem Verantwortungsbereich alles klappte. So wurden die Muchtare wohlhabend und oft auch Geldverleiher.

Die Vertreter des Staates wurden also als Vertreter einer fremden Macht wahrgenommen? 

Richter: Ja. Seit den Zeiten Alexander des Großen bis 1832 hat Griechenland im Grunde nie einen eigenen Staat gehabt. Vielmehr wurde der Staat als feindlich und ausbeuterisch wahrgenommen. Man wehrte sich gegen ihn, so gut es ging. Und ihn zu bestehlen wurde zu einer Tradition, die sich bis in unsere Tage fortgesetzt hat.

Nun könnte man vermuten, dass in dem Moment, da Griechenland 1832 Monarchie wurde, das Klientelsystem beendet worden wäre. Warum war dem nicht so? 

Richter: König Otto von Wittelsbach kam mit einer Handvoll Beamten nach Griechenland, mit denen allein sich das Land nicht regieren ließ. Also blieb das Netzwerk der ehemaligen Muchtare praktisch bestehen, sie bildeten die untere Etage der staatlichen Verwaltung, es änderte sich in der Praxis der Gefälligkeiten und Pöstchenverteilung nichts.

Ganz anders in Zypern. Weil die Briten wussten, was geschehen würde, wenn man den ehemaligen Muchtaren die Staatsfinanzen überließe, nahmen sie diese Kontrolle in die eigene Hand, weswegen Zypern heute ein westeuropäisierter Staat ist.

Im 20. Jahrhundert wurden in allen europäischen Staaten Parteien mit Programmen zum bestimmenden Faktor der Politik. Warum sah das in Griechenland anders aus? 

Richter: Der erste griechische König war ein Monarch von Gnaden der Großmächte. Diese - Briten, Russen und Franzosen - übten ihren Einfluss über ihnen nahestehenden Parteien aus, die aber nur dem Namen nach Parteien waren. In Wirklichkeit handelte es sich wieder um klientelistische Netzwerke. Als Großbritannien schließlich übrig blieb, bildeten sich eine liberale und eine konservative Partei, die aber ebenfalls klientelistisch funktionierten. Das hat sich im 20. Jahrhundert weiterentwickelt.

Wie sah das konkret aus? 

Richter: Die politischen und wirtschaftlichen Oligarchien waren - und sind bis heute -aufs engste miteinander verfilzt und sorgten dafür, dass die gesamte Oberschicht steuerfrei bleibt. Bis heute kontrollieren weniger als 800 Familien mehr als 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Kann aber ein System funktionieren, wenn nur die Reichen bevorteilt werden? 

Richter: Unter der konservativen Nea Dimokratia blieb praktisch nur für die obere Hälfte der Bevölkerungspyramide etwas hängen. Das änderte sich erst durch die sozialdemokratische Pasok-Partei, die unter Andreas Papandreou zu einer Partei des Turbo-Klientelismus wurde. Pasok schob nun Geld und Posten bis nach unten durch.

Als Griechenland im Jahr 1981 Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wurde, führten das sogar zu einer Stärkung des Klientelismus. Wie ist das zu erklären?

Richter: Bis zum Beitritt mussten sich die Parteien aus dem Steueraufkommen bedienen. Und da war nicht viel zu holen, denn es gab praktisch nur Lohn- und indirekte Steuern. Als man Mitglied der EWG wurde, stellte man beglückt fest, dass jetzt jede Menge Geld von außen floss. Geld aus Brüssel wurde zum großen Teil veruntreut.

Wenn der Klientelismus das Land über Jahrhunderte geprägt hat, weil alle davon profitierten: Besteht dann überhaupt eine Chance, von außen eine Änderung dieses Systems zu bewirken?

Richter: Wenn man sieht, dass auch die gegenwärtige Syriza-Regierung gerne Posten an Verwandte verteilt und notwendige Reformen immer wieder auf die lange Bank schiebt, ist Skepsis angesagt. Nur wenn die finanziellen Quellen für das großzügige Verteilen von Geld und Posten kontrolliert verstopft würden, bestünde eine Chance zur Besserung.

Heinz A. Richter (76), in Heilbronn geboren, studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Anglistik in Heidelberg. Bis 2003 war er Professor für griechische und zypriotische Zeitgeschichte in Mannheim.

Kürzlich erhob die Staatsanwaltschaft von Kreta Anklage gegen ihn, weil er in seinem Buch „Operation Merkur“ die kriegsentscheidende Bedeutung griechischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg verneint habe, worin die Staatsanwaltschaft eine Verunglimpfung von Kriegsopfern sieht. Die deutsche Botschaft in Athen empfahl Richter, griechischen Boden zu meiden und nicht zur Gerichtsverhandlung zu erscheinen.

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