Zuckermann: "Deutschland hat sich vorgenommen, Israel nie zu kritisieren"

Israel-Kritiker Zuckermann wehrt sich gegen Antisemitismus-Vorwurf durch Deutsche

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Protest: Palästinenser zünden im Gaza-Streifen an der Grenze zu Israel Autoreifen an.

Der israelische Historiker Moshe Zuckermann kritisiert die Palästina-Politik seines Landes und wird dafür als Antisemit beschimpft. Nun beklagt er, dass Deutschland die freie Meinung einschränkt.

Die Hauptthese Ihres neuen Buches, das Sie am Mittwoch in Kassel vorstellen, ist, dass Antisemitismusvorwürfe in der deutschen Politik instrumentalisiert werden. Wie geschieht dies?

Moshe Zuckermann: Wenn ich Israel kritisiere, zum Beispiel weil Menschenrechte missachtet werden oder Völkerrecht in den besetzten palästinensischen Gebieten verletzt wird, werde ich gleich als ein sich selbst hassender Jude und Antisemit bezeichnet. Als Israel in den 1950er Jahren erklärte, Deutschland als Staat anerkennen zu wollen, hat die deutsche Regierung von Konrad Adenauer sich im Gegenzug vorgenommen, Israel nie zu kritisieren. Und daran hält man sich bis heute. Auch in den Leitartikeln deutscher Zeitungen vermisse ich Kritik an Israels Okkupationsregime.

Ein Beispiel: Der illegale Siedlungsbau im Westjordanland wurde sehr kritisch von deutschen Medien begleitet. Wie kommen Sie darauf, dass so etwas verschwiegen wird?

Zuckermann: Ja, es wird berichtet. Aber es ist bislang keine politische Kultur der Kritik entstanden, die sich der Tatsache annimmt, dass wir es seit über 50 Jahren in Israel mit einem ziemlich brutalen Okkupationsregime zu tun haben. Das Fehlen bekomme ich selbst zu spüren.

Inwiefern sind Sie selbst betroffen?

Zuckermann: Ich finde kaum noch Räumlichkeiten für meine Lesungen in Deutschland. Das Recht auf freie Meinungsäußerung wird unterminiert. Das Ganze unter dem Vorwand, hier werde Antisemitismus betrieben. Wie können Deutsche mir als Sohn von Holocaust-Überlebenden diesen Vorwurf machen?

Erklärt es sich damit, dass eine Nation, die für den Holocaust verantwortlich ist, wo vor Kurzem ein jüdisches Restaurant in Chemnitz verwüstet wurde, besonders sensibel mit dem Thema Antisemitismus umgeht?

Zuckermann: Es geht doch hier gar nicht um Antisemitismus. Der gehört überall bekämpft. Hier wird mit dem Mittel des Antisemitismusvorwurfs etwas angegriffen, was gar nichts mit Antisemitismus zu tun hat. Die Sensibilität ist an dieser Stelle falsch, da Juden und Israel gleichgestellt werden. Es sind aber nicht alle Juden Israelis und nicht alle Israelis Juden. Und ein Jude kann sehr wohl israelkritisch sein.

In ihren Werken kritisieren Sie ausführlich die israelische Politik. Warum findet sich da keine Kritik an der palästinensischen Führung?

Zuckermann: Schauen Sie sich die Kräfteverhältnisse an. Diejenigen, die den territorialen Konflikt lösen könnten, sind die Israelis. Die Palästinenser sind doch vollkommen ohnmächtig. Die Hamas stellt doch keine reale Bedrohung für Israel dar.

Moshe Zuckermann

Mit dem Raketenbeschuss Israels trägt sie nicht gerade zu einer friedlichen Lösung bei.

Zuckermann: Der Konflikt kann aber auch nicht mit der kompletten Abriegelung des Gaza-Streifens gelöst werden. Das ist eines der größten Gefängnisse der Welt. Und in Bezug auf das Westjordanland müssen wir doch festhalten, dass Israel gar kein Interesse an der Rückgabe der besetzten Gebiete hat. Die Palästinenser hätten auch nichts im Gegenzug anzubieten.

Lautet ihr Fazit also: Der Konflikt kann nicht gelöst werden?

Zuckermann: Israel müsste einer Zwei-Staaten-Lösung zustimmen. Zieht es sich aber aus den besetzten Gebieten zurück und baut Siedlungen ab, droht ein Bürgerkrieg. Die Alternative wäre ein binationaler Staat, in dem fünf Millionen Palästinenser leben. Bleibt die Frage, welche Rechte sie dann innerhalb des israelischen Staates haben. Die israelische Regierung ist mit den derzeitigen Verhältnissen jedoch zufrieden.

Wenn nicht die Konfliktparteien, wer könnte stellvertretend den Konflikt lösen?

Zuckermann: Die EU könnte es zusammen mit den USA tun. Inzwischen müssten auch Russland und China mit einbezogen werden. Ihre Motivation könnte sein, einen drohenden Weltbrand zu verhindern. Der Konflikt ist ja irrsinnig explosiv, da er geopolitisch auch die arabischen Länder belangt.

Kennen Sie einen Konflikt auf der Welt, bei denen die vier genannten einer Meinung sind?

Zuckermann: Nein. Aber Sie haben mich gefragt, wer es tun könnte.

Mosche Zuckermann stellt am Mittwoch (19.15 Uhr) sein Buch „Der allgegenwärtige Antisemit oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit“ in der Kasseler Buch-Oase, Germaniastr. 14, vor. Der Eintritt ist frei

Zur Person

Moshe Zuckermann wurde 1949 in Tel Aviv geboren. Mit elf Jahren emigrierte er mit seinen Eltern, Holocaust-Überlebenden aus Polen, nach Deutschland. Zuckermann ist emeritierter Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv und war von 2010 bis 2015 Leiter der Sigmund-Freud-Privatstiftung in Wien. Er ist verheiratet und lebt in Tel Aviv.

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