Interview: Edgar Wolfrum lobt Grundgesetz und Sozialstaat

Historiker über Deutschland: „Wir sind ein Land des Maßes“

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"Die geglückte Demokratie" heißt ein Standardwerk deutscher Geschichtsschreibung. Mit seinem Autor, dem Historiker Edgar Wolfrum, sprachen wir über die ersten Jahre der jungen Republik und die heutigen Herausforderungen.

Die Bundesrepublik Deutschland wird am 23. Mai 65 Jahre alt, kommt damit in gewisser Weise ins Rentenalter. In welchem Zustand ist das Land, jung, rüstig, satt oder tatterig?

Edgar Wolfrum: Das Land ist erwachsen geworden, was seine außenpolitische Positionierung angeht. Da hat sich nach der Wiedervereinigung 1990 einiges verändert. Deutschland übernimmt nun international Verantwortung. Zugleich kommen aber immer wieder alte Mentalitäten zum Vorschein, der Hang, sich auf sich selbst zurückziehen zu wollen, Nabelschau zu betreiben.

Eine Verjüngungskur hat Deutschlands Sozialstaatlichkeit während der Kanzlerschaft Gerhard Schröders erfahren. Denn die Reformagenda 2010 darf keineswegs auf die Hartz-IV-Gesetzgebung reduziert werden.

Der wirtschaftliche und politische Aufstieg nach dem totalen Zusammenbruch von 1945 wird bis heute gern mit dem Terminus Wunder versehen. War es das?

Wolfrum: Nein. Wunder kann man nicht erklären. Aber der Wiederaufstieg ist heute erklärbar: Zum einen war die Grundsubstanz der deutschen Industrie nicht so zerstört, wie das nach dem alliierten Bombenkrieg den Augenschein hatte.

Zum anderen war West-Deutschland neben Japan und Italien der große Profiteur der internationalen Nachkriegskrisen, des Kalten Krieges. Als die USA wegen des Koreakrieges in der Konsumgüterindustrie quasi ausfielen, stieß Deutschland erfolgreich in diese Lücke. Hinzu kam, dass die Deutsche Mark im globalen Wettbewerb zunächst unterbewertet war, so dass deutsche Produkte im Ausland gut dastanden

Ist vor diesem Hintergrund die moralische Aufarbeitung der NS-Zeit zu kurz gekommen?

Wolfrum: Das ist die große Schattenseite der Nachkriegszeit. Polemisch könnte man sagen: Die Westdeutschen wurden nur deshalb zu Demokraten, weil die wirtschaftliche Dynamik sie mit der Demokratie versöhnte. Denn das war der große Unterschied zur Weimarer Republik: Deren Demokratie hatte nie eine Chance, weil sie wirtschaftlich nie in ruhige Zeiten kam. Geschichts-moralisch war die Nachkriegszeit ein großer Skandal.

Warum? 

Wolfrum: Verdrängen und Vergessen des Nationalsozialismus waren angesagt. Zugespitzt könnte man sagen, dass die damaligen Bundesregierungen Politik für die Täter und weniger für die Opfer betrieben. Sogar die Wiedergutmachung gegenüber Israel muss kritisch betrachtet werden. Sie wird gerne als Glanzlicht dargestellt, aber Kanzler Adenauer konnte sie doch nur mit der Opposition durch den Bundestag bringen. Letztlich hat aber vor allem die deutsche Wirtschaft profitiert. Denn Israel bekam keine Geldleistungen, sondern Warenlieferungen. Die Wiedergutmachung förderte die Ökonomie.

Die Franzosen haben, wenn es um die Staatsgründung geht, den Sturm auf die Bastille, die Amerikaner ihre Unabhängigkeitskriege, alles positiv besetzte Mythen. Wir haben nur zwei verlorene Weltkriege und einen Holocaust... 

Wolfrum: Natürlich sind das negative Gründungsmythen, nie wieder Krieg, nie wieder Holocaust. Aber man muss doch auch auf die Leuchttürme hinweisen.

Welche zum Beispiel?

Wolfrum: Das Grundgesetz etwa kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, auch im internationalen Maßstab. Es war die erste posttotalitäre Verfassung nach 1945. Wer seine Ursprungsfassung mit dem großartigen Artikel 1 - „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ - noch einmal liest, dem wird bewusst, dass schon Ende der 40er-Jahre deutliche Lehren aus der Katastrophe der ersten Hälfte des Jahrhunderts gezogen wurden. Und das Grundgesetz hat sich ja bis heute bewährt. Diese Verfassung eignet sich durchaus zu einem positiv besetzten Gründungsmythos. Zumal zur Wahrheit gehört, dass beim Sturm auf die Bastille gerade mal eine Handvoll Schwerverbrecher befreit wurde.

Trotzdem spielt der 23. Mai 1949 im kollektiven Gedächtnis der Deutschen kaum eine Rolle. Woran liegt das?

Wolfrum: Es hat ja immer wieder den Versuch gegeben, den Verfassungstag zum Nationalfeiertag zu machen. Aber dann kam 1953 die Niederschlagung des Volksaufstandes in der DDR, und der 17. Juni wurde zum alles überlagernden Nationalfeiertag. Das hat man auch nach 1990 nicht korrigieren können. Der 3. Oktober als Nationalfeiertag war ein Zugeständnis an die Ostdeutschen, die die erste erfolgreiche Revolution auf deutschem Boden zustande gebracht hatten.

Wissen die Deutschen den Erfolg ihres eigenen Staatswesens eigentlich noch zu schätzen? 

Wolfrum: Nein. Viel zu viel wird heute für selbstverständlich gehalten. Dabei haben wir einen auch im internationalen Maßstab hervorragenden Sozialstaat - auch wenn er immer wieder modifiziert werden muss, Geschichte bleibt ja nicht stehen. In Deutschland, wo man gerne Nabelschau betreibt, ist das vielen Menschen gar nicht bewusst. Und dass unser Erfolg nur mit Hilfe anderer möglich war, wird leider oft vergessen.

Wie meinen Sie das?

Wolfrum: Wir haben nach dem Krieg viel Hilfe bekommen und Solidarität erfahren. In der Debatte über die Euro-Krise und die Hilfen für die südeuropäischen Länder vermisse ich in Deutschland oft den Solidaritätsgedanken.

Auch bei uns gibt es jahrzehntelange Massenarbeitslosigkeit, Reformstau, Integrationsprobleme. Warum brennen bei uns aber keine Vorstädte wie schon geschehen in England und Frankreich?

Wolfrum: Wir haben nicht solch dramatische soziale Unterschiede, keine Klassengegensätze. Wir sind ein Land des Maßes. Das klingt langweilig, erspart uns aber hoffentlich auch in Zukunft Ausschläge ins Negative, wie Sie das eben beschrieben haben. Dass wir keine brennenden Vorstädte haben, liegt aber auch an einer klugen Kommunalpolitik, die seit den 50er-Jahren darauf geachtet hat, dass in unseren Städten keine Ghettos und keine Slums entstanden sind.

Die USA und auch Großbritannien haben in den letzten Jahren verheerende Terroranschläge erlebt und daraufhin Liberalität und Rechtsstaat zurückgeschnitten. Sind Sie sicher, dass dies nicht auch in Deutschland passieren könnte?

Wolfrum: Vor dem Erfahrungshintergrund der deutschen Geschichte und der Klugheit unserer Politiker - man muss auch mal sagen, dass wir alles in allem gut mit ihnen gefahren sind - halte ich diese Gefahr für eher gering. Richtig ist aber auch, dass der Rechtsstaat, der nach 1945 entstanden ist, kein Ruhezustand ist. Eine wehrhafte Demokratie, wie sie das Grundgesetz beschreibt, ist keine leere Floskel, sondern muss sich tagtäglich bewähren.

Kluge Politiker, sagen Sie. In Leserzuschriften hört sich das anders an, da wird ein herablassender, verächtlicher, manchmal hasserfüllter Ton gegenüber unserem Staatswesen und seinen Repräsentanten angeschlagen.

Wolfrum: Das ist - vermute ich - zumeist der Anonymität des Internets geschuldet. Ich will auch gar nicht sagen, dass es in unserem Staat nichts zu kritisieren gibt. Im Gegenteil, vieles muss reformiert werden, Demokratie ist ein ständiger Prozess. Aber all jenen Kritikern muss man sagen: Wir haben eine offene demokratische Zivilgesellschaft, in der man sich auf vielfältige Weise beteilen, einmischen und mitmachen kann.

Es gibt keine Verschwörung von Eliten, Politik und Medien. Das sind Ausreden für die eigene Untätigkeit.

Kommen wir zum Schluss: Gibt es ein Ereignis, ein Foto, das für Sie am meisten die These von der geglückten Demokratie ausdrückt?

Wolfrum: Zunächst heißt „geglückt“ nicht nur, dass wir viel Erfolg gehabt haben. Nein, wenn wir schauen, wo die Deutschen 1945 standen, dann ist es auch ein unverhofftes Glück, nach Weltkrieg und Holocaust die Wiedervereinigung bekommen zu haben. Symbolisiert wird das vielleicht mit Bildern des zerstörten Reichstages einerseits und des Brandenburger Tores 1990.

Zur Person

Prof. Dr. Edgar Wolfrum

Prof. Dr. Edgar Wolfrum (53), geboren in St. Georgen/Schwarzwald, promovierte in Freiburg. Er war Leiter des Forschungsreferats für Geschichte bei der Volkswagenstiftung. 1999 habilitierte er sich für Neuere und Neueste Geschichte an der TU Darmstadt. Er ist heute Professor für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg. Wolfrum ist verheiratet.

Von Edgar Wolfrum sind unter anderem erschienen:

"Die geglückte Demokratie - Geschichte der Bundesrepublik Deutschland", Klett-Cotta-Verlag,

"Rot-Grün an der Macht. Deutschland 1998-2005", C.H. Beck-Verlag

Von Wolfgang Blieffert

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