Langfassung

HNA-Interview: Afghanistan-Expertin über die Situation der Frauenrechte

Kassel. Seit zehn Jahren kämpft der Westen in Afghanistan. Aus diesem Anlass sprach Julia Hohagen mit Afghanistan-Expertin Maja Liebing von Amnesty International über die Situation der Frauen und Menschenrechte nach Jahren des internationalen Engagements. Hier dokumentieren wir das Interview in einer Langfassung.

Seit 10 Jahren ist in Afghanistan Krieg. Hat sich die Situation für Frauen vor Ort verbessert?

Maja Liebing: Ja. Afghanistan hat zwar noch einen langen Weg vor sich, aber wir konnten auch schon Verbesserungen feststellen. Es wurde eine neue Verfassung verabschiedet. Sie beinhaltet zum Beispiel die Gleichstellung von Mann und Frau, aber auch eine Quote für Frauen im Parlament. Im Moment sind 27 Prozent der Parlamentarier Frauen. Das sind sogar zwei Prozent mehr als per Verfassung festgeschrieben. Außerdem haben Frauen wieder das Wahlrecht erhalten, und es wurde ein Ministerium für Frauenrechte eingerichtet.

Wie sieht es mit der Bildung aus?

Liebing: Der Zugang für die Frauen nicht nur zu Gesundheitseinrichtungen, sondern auch zu Bildungseinrichtungen hat sich verbessert; 2001 besuchten noch weniger als eine Millionen Kinder die Schule, darunter fast gar keine Mädchen. 2008/2009 – das sind die neuesten Zahlen, die wir haben - besuchten mehr als fünf Millionen Kinder Schulen, mehr als ein Drittel davon Mädchen.

Was muss auf dem weiten Weg verbessert werden?

Liebing: Afghanistan ist nach wie vor eines der Länder, wo Frauen am stärksten diskriminiert werden - nicht nur von staatlicher Seite, sondern auch von der Gesellschaft. Das zeigen schon die Schülerzahlen; ein Drittel Mädchen wäre für ein anderes Land nichts Besonderes. Darauf kann man eigentlich nicht stolz sein. Afghanistan war schon einmal viel fortschrittlicher als heute.

In welcher Hinsicht?

Liebing: Bereits 1919 erhielten Frauen das aktive Wahlrecht. 1964 waren sie am Entwurf der afghanischen Verfassung beteiligt, die eine Gleichstellung von Frauen vorsah. In den siebziger Jahren gab es weibliche Parlamentarier, Lehrerinnen, Ärztinnen und Juristinnen. Erst in der Zeit der Taliban-Herrschaft wurden Frauenrechte so eingeschränkt, dass sie nicht einmal alleine das Haus verlassen durften.

Worin liegt im Moment das Hauptaugenmerk Ihrer Arbeit?

Liebing: Auf den Gebieten, die jetzt leider wieder von den Taliban kontrolliert werden. Dort herrschen Zustände wie vor zehn Jahren, wie vor dem Einmarsch der internationalen Truppen. 2010 mussten in diesen Gebieten zum Beispiel 74 Schulen aufgrund von Gewalt wieder geschlossen werden. Die afghanische Zivilgesellschaft und vor allem Frauengruppen müssen sehr viel stärker als bisher in die politischen Planungsprozesse einbezogen werden – auch um den schlechten Entwicklungen entgegenzuwirken.

War das nicht auch ein Ziel des internationalen Engagements?

Liebing: Das hätte es sein sollen. Man hat in der Vergangenheit aber alle Ressourcen in die Zentralregierung und das Militär gesteckt. Vernachlässigt wurde zum Beispiel der Polizeiapparat. Die afghanischen Sicherheitskräfte sind nicht ausreichend ausgebildet worden, nach wie vor gehört Folter von Gefangenen zur Tagesordnung. Die Sicherheitskräfte sind überfordert und schlecht ausgestattet. Auch das Justizwesen hat man komplett vernachlässigt. Mittlerweile wurden sogar Kriegsverbrecher wieder in Entscheidungspositionen gehoben.

Haben Sie denn das Gefühl, mit ihrer eigenen Arbeit etwas bewirkt zu haben?

Liebing: Die Arbeit von Menschenrechtsorganisationen ist sehr wichtig. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, auf Missstände aufmerksam zu machen, sie direkt bei den Verantwortlichen zu kritisieren und klare Forderungen zu stellen. Die Grundlage aller Arbeit ist es daher, vor Ort zu recherchieren, damit wir Berichte haben und Missstände aufzeigen können.

Sie sehen dem Abzug der internationalen Truppen 2014 also mit Skepsis entgegen?

Liebing: Ja, sofern er nicht mit einem konkreten und nachhaltigen Engagement für die Menschenrechte in Afghanistan verbunden ist. Wir befinden uns schon jetzt in einer kritischen Phase, vor allem was die Sicherung der Frauenrechte betrifft. Denn den Taliban werden immer mehr Zugeständnisse gemacht - auf Kosten der Frauen. So dürfen sie zum Beispiel bei Verhandlungen zwischen Taliban und Regierung nicht mehr anwesend sein.

Was tun Sie jetzt konkret, um die Frauenrechte nachhaltig zu schützen?

Liebing: Im Moment setzen wir alle Hoffnung auf die nächste Afghanistan-Konferenz am 5. Dezember in Bonn. Die Verantwortlichen sollen zum einen endlich dafür Sorge tragen, dass die Zivilgesellschaft und insbesondere Frauen an sämtlichen Entscheidungen des Landes beteiligt werden. Zum zweiten fordern wir dazu auf, die verbleibende Zeit bis 2014 dazu zu nutzen, die Versäumnisse nachzuholen, den Polizeiapparat und das Justizwesen demokratisch aufzubauen. Wenn das nicht geschieht, sehe ich schwarz.

Zur Person

Maja Liebing

Maja Liebing, 29, arbeitet seit 2003 ehrenamtlich und seit Ende 2009 hauptamtlich bei der deutschen Sektion von Amnesty International in Berlin. Dort ist sie nicht nur für Afghanistan, sondern für den gesamten Raum Asien/Pazifik zuständig. Maja Liebing ist in Hamburg aufgewachsen und hat dort Politikwissenschaft mit dem Nebenfach Jura studiert. (juh)

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