Warum immer mehr Arbeitnehmer an psychischen Erkrankungen leiden und in Frührente gehen

HNA-Interview zu Depressionen: Mensch nur noch ein Rädchen

Arbeitnehmer gehen immer häufiger wegen einer psychischen Erkrankung vorzeitig in Rente. Vor allem Depressionen nehmen zu. Wir dokumentieren hier die Langversion des HNA-Interviews mit dem Kasseler Psychiater und Psychotherapeuten Martin Ohlmeier.

Herr Ohlmeier, machen auch Sie die Erfahrung, dass psychische Krankheiten zunehmen?

Martin Ohlmeier: Ja, wir machen einerseits die Erfahrung, dass wir immer mehr Patienten mit chronisch verlaufenden Erkrankungen sehen, das heißt Menschen, die immer wieder in Behandlung kommen müssen, weil ihre Symptome weiterbestehen oder wieder auftreten. Andererseits haben wir auch den Eindruck, dass es immer mehr Neuerkrankungen gibt.

Auf welche Erkrankungen trifft das zu?

Ohlmeier: Eine Erkrankung, die hier sicher eine besonders große Rolle spielt, ist die Depression. Aber auch die Suchterkrankungen und Angststörungen nehmen zu – wobei sogenannte Angststörungen manchmal nur ein Symptom der Depression darstellen.

Warum erkranken immer mehr Menschen an diesen Leiden?

Ohlmeier: Hierfür gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Ein Grund ist sicher der, dass in unserer Gesellschaft mittlerweile darüber gesprochen wird, dass es diese Erkrankungen gibt und dass man dadurch auch arbeitsunfähig werden kann. Die Diagnose wird somit häufiger gestellt, weil sich mehr Betroffene offenbaren. Ein anderer Punkt ist der, dass wir eine Entwicklung in unserer Arbeitswelt beobachten können, die zunehmend leistungsorientiert ist. Gleichzeitig wird unsere Arbeit oft entindividualisiert: Sie arbeiten als Mensch in einem Betrieb, werden aber nicht mehr als solcher wahrgenommen und zum Beispiel in Entscheidungsprozesse einbezogen, sie sind ein Rädchen in einer Maschinerie.

Welche Menschen sind besonders gefährdet?

Ohlmeier: Frauen erkranken häufiger an Depressionen im eigentlichen Sinne, während Männer, die erkranken oft eher zu scheinbar körperlichen Symptomen neigen, die aber in Wirklichkeit Ausdruck der Depression sind. Es gibt auch einen Trend, dass die Betroffenen immer jünger werden. Trotzdem sind besonders auch ältere Menschen gefährdet. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Sozialsysteme - und hier speziell die Familien - zunehmend auseinanderbrechen und die Menschen vereinsamen. Eine Hochrisikogruppe sind dabei statistisch gesehen ältere, alleinstehende Männer. Außerdem haben emotional sensible Menschen ein höheres Risiko zu erkranken – vor allem dann, wenn zusätzlich belastende Faktoren hinzutreten, also etwa ein drohender Partner- oder Arbeitsplatzverlust. Ein anderer Faktor ist der biologische: Man weiß heute, dass der Botenstoff Serotonin bei dieser Krankheit eine wichtige Rolle spielt.

Wie kann ich als Arbeitnehmer mein Erkrankungsrisiko verringern?

Ohlmeier: Man sollte versuchen, allgemein ein möglichst gesundes Leben zu führen. Das heißt konkret, dass man sich ausreichend bewegt und sich gesund ernährt. Außerdem spielt eine ganz große Rolle, dass man Sozialkontakte, also etwa Partnerschaft und Freundschaften, pflegt. Verlässliche Beziehungen wirken hinsichtlich psychischer Erkrankungen schützend.

Was müsste sich auf Seiten der Arbeitgeber ändern?

Ohlmeier: Ich bin der Meinung, dass die Atmosphäre eines Konzerns ganz erheblich dazu beiträgt, wie sich der Arbeitnehmer fühlt. Durch eine Mitbeteiligung an Entscheidungsprozessen etwa kann man dazu beitragen, dass die Arbeitszufriedenheit hoch ist und weniger Menschen eine Depression entwickeln.

Wie erkenne ich, wenn ich selbst von einer Depression betroffen bin? Ohlmeier: Für eine Depression gibt es typische Kernsymptome. Hier ist vor allem die Antriebsstörung zu nennen: Der Betroffene kommt morgens nicht mehr aus dem Bett, er hat keinen Schwung mehr. Dann gibt es die eigentlichen depressiven Stimmungsschwankungen: Sie sind häufig dadurch gekennzeichnet, dass ein sogenanntes Morgentief und ein Abendhoch besteht. Die Stimmung ist morgens also schlecht und wird im Tagesverlauf etwas besser. Nicht selten sind auch Appetitstörungen mit zum Teil erheblichem Gewichtsverlust, aber auch eine Gewichtszunahme ist möglich. Ein weiteres Symptom sind Ein- und Durchschlafstörungen – hier ist auch das Früherwachen zu nennen: Der Betroffene wacht morgens um 4 oder 5 Uhr auf, kann nicht wieder einschlafen und grübelt. Manchmal kommt es im Rahmen einer Depression auch zu lebensmüden Gedanken, die auch soweit führen können, dass sie in die Tat umgesetzt werden.

Wie sollte ich mich dann verhalten?

Ohlmeier: Zunächst sollte man den Hausarzt aufsuchen. Er ist der erste Ansprechpartner und kann den Patienten, wenn die Krankheit sehr ausgeprägt ist, zum Facharzt für Psychiatrie oder zum Psychotherapeuten überweisen. (ale)

Zur Person Martin Ohlmeier

Prof. Dr. Martin Ohlmeier (46) ist Direktor des Ludwig-Noll-Krankenhauses, der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Kassel. Er ist gemeinsam mit Dr. Michael Franz Vorsitzender des „Nordhessischen Bündnis gegen Depression“. Er wurde 1965 in Freiburg geboren und lebt in Kassel. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. (ale)

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