„Große Verdienste um Deutschland“

HNA-Interview: Ex-DDR-Außenminister Meckel über Eduard Schewardnadse

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Historischer „Zwei plus Vier“-Vertrag am 12. September 1990: Unser Bild zeigt (von links) die Außenminister Dumas (Frankreich) und Schewardnadse (UdSSR), den sowjetischen Präsidenten Gorbatschow, die Außenminister Baker (USA) und Genscher (BRD), DDR-Ministerpräsident de Maiziere (vorn) und den britischen Außenminister Hurd in Moskau.

Markus Meckel saß für die DDR am Tisch, als die Außenminister der beiden deutschen Staaten und ihre Kollegen aus den USA, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion (2+4-Gespräche) im Sommer 1990 über die deutsche Einheit verhandelten.

Herr Meckel, wo liegt die politische Bedeutung Eduard Schewardnadses?

Markus Meckel: Er hat sich um Deutschland große Verdienste erworben. Auch als Außenminister war er nicht nur Untergebener von Michael Gorbatschow, sondern vor allem ein wichtiger Gesprächspartner des Partei- und Staatschefs. Auf manchen Gebieten der Innen- und Außenpolitik ist er sicher auch treibende Kraft der Reformpolitik von Glasnost und Perestroika gewesen.

Galt das auch für die 2+4-Verhandlungen zur Wiedervereinigung?

Meckel: Ja. Er sah, dass ein positiver Abschluss dieser Verhandlungen nicht nur im deutschen, sondern auch im sowjetischen Interesse liegen würde. Darin bestärkte er Gorbatschow, der bei der Herkulesaufgabe, das sowjetische Weltreich umzugestalten doch sehr zögerlich agierte, wahrscheinlich sehr zögerlich agieren musste. Die Reformer in der UdSSR hatten damals keine langfristige Strategie, sie fuhren im dichten Nebel auf Sicht

Was zeichnete Schewardnadses Verhandlungsführung während der 2+4-Gespräche aus? 

Meckel: Er demonstrierte einerseits für die Skeptiker in der Heimat Härte und Entschlossenheit, andererseits drängte er am Verhandlungstisch zu vernünftigen Ergebnissen. Für mich als Neuling war oft nur schwer zu erkennen, was als Fensterreden für die sowjetische Öffentlichkeit gemeint war und was nicht. Diese Rolle beherrschte er meisterhaft.

Wie war Schewardnadse im persönlichen Umgang mit Hans-Dietrich Genscher, dem schon damals langjährigen Außenminister der Bundesrepublik, und Ihnen, dem DDR-Oppositionellen, der plötzlich DDR-Außenminister geworden war? 

Meckel: Ich hatte Ende April 1990 ein erstes Gespräch in Moskau mit ihm. Drei Botschaften hatte ich für Schewardnadse: Erstens: Wir, die DDR, sind nicht mehr der kleine Bruder der UdSSR, der Befehle entgegennimmt. Zweitens: Die deutsche Einheit kommt, weil die Bürger das wollen. Und wenn Moskau das verhindern will, dann bedeutet das das eigenen Scheitern. Und drittens: Die Sowjetunion soll in Europa verankert bleiben, wir wollen keinen Nutzen aus der Schwäche Moskaus ziehen, weil das in Zukunft zu Instabilitäten in Europa führen wird. Schewardnadse hat das akzeptiert und wir hatten sehr gute Gespräche.

Und wie war Schewardnadses Verhältnis zu Genscher? 

Meckel: Genscher war natürlich sein Hauptgesprächspartner, und es entstand ein sehr enges persönliches Verhältnis. Einmal initiierte Genscher ein Treffen der beiden in Brest, wo Schewardnadses Bruder Akakij 1941 im Krieg gefallen war. Das hat ihm Schewardnadse hoch angerechnet. Solche Treffen waren vertrauensbildende Faktoren, die entscheidend zum Gelingen der Gespräche beitrugen.

Schewardnadse war Historiker und Kommunist. War ihm 1990 klar, dass auch die Sowjetunion keine große Zukunft mehr haben würde? 

Meckel: Nein, ich glaube nicht. Wie Gorbatschow meinte er wohl, dass der Kommunismus reformierbar sei. Zu unserem Glück, sonst hätten sie wohl ihre Reformen gar nicht begonnen.

Zur Person

Markus Meckel

Markus Meckel (61), in Müncheberg (Brandenburg) geboren, arbeitete in der DDR als Pfarrer, war 1989 Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei, und von April bis August 1990 DDR-Außenminister. Seit 2013 amtiert er als Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Kassel). Er ist verheiratet und hat sechs Kinder.

Von Wolfgang Blieffert

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