Kommentar zur Flüchtlingspolitik: Der Kitt wird brüchig

Die Umfragen zeigen: Die Skepsis gegenüber der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung wächst. Zur Stimmung im Land ein Kommentar von Nachrichtenredakteur Wolfgang Blieffert.

Eben noch Sommermärchen, nun ein Winter des Missvergnügens? Journalisten sollten zwar vorsichtig sein mit allzu griffigen Formulierungen, aber es ist mit Händen zu greifen: Die Stimmung im Land hat sich gewandelt, ja sie scheint bereits gekippt.

Nicht nur Meinungsumfragen belegen, dass die Skepsis gewachsen ist, ob Deutschland die Belastungen durch die große Zahl an Flüchtlingen wirklich tragen kann. Auch die Ereignisse auf der Kölner Domplatte mit ihren abstoßenden Szenen haben den Ton der Debatte nachhaltig verändert. Häme und Hohn schlagen denjenigen entgegen, die sich aufopferungsvoll um Menschen kümmern, die in Not zu uns gekommen sind. Hass wird im Netz und auf manchen Demonstrationen gegen die Ankömmlinge im besonderen und die Politik im allgemeinen gepredigt. Rechte Gewalttäter machen mobil, linke ebenso, das Gewaltmonopol des Staates wird von beiden Seiten angezweifelt.

Fast 70 Jahre nach ihrer Gründung scheint sich die Republik auf einmal auf schwankendem Boden zu bewegen. Der Kitt der Zivilgesellschaft ist brüchig geworden: Die einen pflegen alte Ressentiments gegenüber Fremden, die anderen hängen an ihren Lebenslügen über ein unproblematisches Multikulti. Das Land ist sich seiner selbst nicht mehr sicher. Und ein ungutes Gefühl macht sich breit, es könne alles noch schlimmer kommen.

Die Amerikaner, traditionell ausgestattet mit überbordendem Optimismus, sind in solchen Situationen in der Lage, sich selbst neu zu erfinden. Die Deutschen, von jeher eher grüblerisch und selbstzweifelnd, hätten nach Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, nach Mauerfall und Wiedervereinung allen Grund, es den Amerikanern nachzumachen. Ob es ihnen gelingt, ist die spannende Frage dieses Jahres. Und eine Bewährungsprobe für ihr Gemeinwesen.

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