Holocaust-Überlebender: „Hassen lohnt sich nicht“

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Wieder gerne in Deutschland: Professor Thomas Buergenthal (78) gestern vor dem Suchdienst in Bad Arolsen.

Nach 57 Jahren hat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz die Leitung des Internationalen Suchdienstes (ISD) in Bad Arolsen abgegeben. Neuer Partner des Suchdienstes wird wie berichtet ab Januar 2013 das Bundesarchiv.

Bad Arolsen. 30 Millionen Dokumente umfasst das ITS-Archiv zur Inhaftierung in Konzentrationslagern, Ghettos und Gestapogefängnissen, zur Zwangsarbeit und über verschleppte Personen. Eine Karteikarte trägt den Namen Thomas Buergenthal. Der 78-Jährige konnte âm Donnerstag erstmals in sein archiviertes Leben gucken.

Der weltweit geachtete Völkerrechtler - er war zehn Jahre lang Richter am Internationalen Gerichtshof in Genf, wurde von US-Präsident Clinton berufen und von Bush Junior bestätigt - erfuhr dabei durchaus Neues. Etwa, dass sein Vater von den Nazis nicht im KZ Flossenbürg (zwischen Nürnberg und Prag) umgebracht wurde, sondern in Buchenwald bei Weimar.

Dass Thomas Buergenthal, der wieder an der Washingtoner Universität lehrt, noch am Leben ist, grenzt an ein Wunder. Im KZ Ausschwitz wurde er von Vater und Mutter getrennt. Der 1934 in der Tschechoslowakei geborene Junge überlebte als eines von ganz wenigen Kindern einen dreitägigen Todesmarsch nach Gleiwitz, überstand eine zwölftägige Fahrt im offenen Güterwaggon nach Oranienburg. In Sachsenhausen mussten ihm zwei Zehen amputiert werden. Als er endlich befreit wurde, war Thomas Buergenthal elf Jahre alt.

„Meine Heimat Göttingen“

1946 entdeckte ihn seine Mutter in einem Kinderheim in Göttingen. Man blieb in der Stadt, bis Thomas 17 Jahre alt war, und ging dann in die USA. Dort startete er seine Karriere als Völkerrechtler und Richter.

„Göttingen“, sagt er heute in akzentfreiem Deutsch, „ist eigentlich noch meine Heimatstadt.“ Besonders stolz macht ihn, dass die Zentralbibliothek der Stadt nach ihm benannt wurde. „Wenn das meine Mutter wüsste“, sagt er, sie war Göttingerin.

Als Kind lernte Thomas Buergenthal, die Deutschen zu hassen. Das ist lange vorbei. „Hassen“, sagt er, „lohnt sich eigentlich nicht.“ Mittlerweile fühlt er sich wieder wohl in Deutschland: „Weil ich die Entwicklung gesehen habe.“ Die Menschen seien demokratischer und europäischer geworden.

Darum findet er es auch gut, dass das Archiv des ITS jetzt noch mehr für Öffentlichkeit und Forschung geöffnet wird als bisher. Denn, so sagt Thomas Bürgenthal: „Die jungen Menschen auf der ganzen Welt müssen wissen, wie es damals war. Und sie müssen wissen, dass es irgendwann wieder so kommen könnte.“

Von Frank Thonicke

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