Bombendrohung überschattet Gül-Besuch

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Der türkische Präsident Abdullah Gül und Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit bei Güls Besuch in Berlin.

Berlin - Mit herzlichen Worten versichern sich Deutsche und Türken ihrer Zuneigung. Doch unter der Oberfläche schwelt mancher Konflikt. Am Abend sorgte eine Bombendrohung für Konfusion.

Die Stimmung war prächtig, daran konnten weder der Regen über dem Wannsee noch die Unstimmigkeiten zwischen Berlin und Ankara etwas ändern. Bundespräsident Christian Wulff nahm den türkischen Staatsgast Abdullah Gül gleich nach dessen Ankunft am Sonntag mit auf einen privaten Bootsausflug, Besuch der legendären Glienicker “Brücke der Spione“ eingeschlossen. Und nach dem Abendessen unter acht Augen - mit den First Ladys Hayrünnisa Gül (mit Kopftuch) und Bettina Wulff (ohne Kopftuch) ging es dann noch in eine Kreuzberger Dönerkneipe. Es war fast Mitternacht.

Am Morgen danach der offizielle Teil: Militärparade vor dem Schloss Bellevue, Marschmusik, Schüler der deutsch-türkischen Carl-von Ossietzky-Schule, die unter den Berliner Bildungsanstalten mit hohem Migrantenanteil gewiss zu den besseren gehört, schwenken Fähnchen. Unterzeichnung des Doppelbesteuerungsabkommens, Pressekonferenz, und dann schießt die Wagenkolonne des türkischen Staatsgastes zu weiteren Verabredungen in das Berliner Regierungsviertel.

Am Abend dann schlug die Stunde der Sicherheitsbeamten. Wegen einer Bombendrohung konnte Gül seine geplante Rede nicht im Audimax der Humboldt-Universität halten. Mit einiger Verzögerung sprach er dann in einem anderen Raum, die Ehrengäste des Staatsbanketts mussten deshalb warten. Ein kleiner Zwischenfall - mehr nicht, wurde betont.

Kein Zweifel: Gül und Wulff mögen sich, aber schließlich gibt der immer lächelnde Präsident aus Ankara auch gerne den jovialen Part, während Regierungschef Recep Tayyip Erdogan die aggressiven Töne übernimmt. Auch in Berlin bleibt Gül umgänglich, aber er spart nicht mit kritischen Tönen. Vor den Flaggen Deutschlands, der Türkei und der EU macht er klar, dass Ankara am vereinbarten EU-Beitrittsprozess festhält. Verhandelt wird seit 2005. Und wenn es noch Jahre dauert? “Vielleicht möchte das türkische Volk dann gar nicht mehr beitreten“, sagt er beiläufig.

Selbstbewusst verweist Gül auf zweistellige Wachstumsraten der türkischen Wirtschaft. Die Zollunion mit Europa ist längst Realität, aber warum dürfen türkische Waren ungehindert nach Deutschland, nicht aber türkische Bürger? Der Bundespräsident gibt Gül in der Kritik an der deutschen Visapflicht recht. Verbesserungsmöglichkeiten sollten geprüft werden, meint auch er. Deutlich widerspricht Wulff aber Güls Kritik am deutschen Einwanderungsrecht und der Pflicht für nachziehende Ehefrauen zum Erlernen der deutschen Sprache.

Der Stand der Integration von drei Millionen Türken in Deutschland bleibt ein kontroverses Thema. Deutsch lernen ja, Assimilation nein, sagt Gül. “Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, hatte Erdogan 2008 in Köln zum Schrecken vieler ausgerufen. Die Pflicht zum Deutschlernen für junge Frauen sei “ein bisschen verletzend“, sagt Gül jetzt. Die andere Seite der Medaille ist die faktische Isolation von Teilen der türkischen Bevölkerung, und Wulff nimmt das umstrittene Wort in den Mund: Türken dürften nicht “in einer Parallelgesellschaft verharren“, sagt er.

“Etwas kommt voran, es geht in die richtige Richtung“, betont Wulff nach dem Gespräch mit Gül. Und warum sollte man nicht auch “ein bisschen Vision“ haben, vom Zusammenwachsen der Völker und Regionen. Deutschland und die Türkei verbinde schon jetzt eine “intensive Freundschaft.“

Was die Integration der Türken in Deutschland angeht, ist der scheidende türkische Botschafter in Berlin, Ali Ahmet Acet, eher skeptisch. “Es hat sich substanziell wenig bewegt“, bilanziert er nach drei Jahren. Sein Nachfolger Hüseyin Avni Karslioglu hat am Sonntagabend, im Regen auf dem Wannsee, ganz andere Gedanken. Berlin hat gerade gewählt, aber für welche politischen Inhalte steht nun die erfolgreiche Piratenpartei, will er wissen. Da müssen seine Gesprächspartner auch erst einmal passen.

dpa

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