Wegen Trockenheit: Hungersteine tauchen aus der Elbe auf

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Hungerstein mit der Jahreszahl 1963 im Elbe-Niedrigwasser bei Pirna (Sachsen), links darunter 2003 (auf dem Kopf). Hungersteine werden mit Dürren in Verbindung gebracht.

Kassel. Extreme Trockenheit über der Mitte Deutschlands: Seit April hat es hier - anders als im Norden oder Süden - im Vergleich mit anderen Jahren viel zu wenig geregnet. Landwirte in Hessen und Niedersachsen rechnen mit Ernteausfällen.

„Mais kommt nicht in die Gänge, Rüben sind zu klein, der Weizen steht nur kniehoch“, sagt Bernd Weber vom Hessischen Bauernverband. In den vergangenen drei Monaten seien nur 25 bis 30 Prozent der üblichen Niederschlagsmenge gefallen.

Das sieht man auch Nordhessens Flüssen an: Die Fulda hatte am Donnerstag am Pegel Grebenau (vor dem Zufluss aus Richtung Edersee) einen Pegel von 1,27 Metern - niedrigster Stand an einem 10. Juni seit 1950. Der langjährige mittlere Abfluss liegt bei 1,75 Metern. Die Werra hatte am Donnerstag am Pegel Allendorf einen Wasserstand von 72 Zentimetern, der langjährige mittlere Abfluss liegt bei 1,35 Metern. „Trocken, aber nicht dramatisch“, heißt es vom Wasser- und Schifffahrtsamt Hann. Münden.

Im Osten Deutschlands sind die Wasserstände teils so extrem gesunken, dass sich an der Elbe wieder so genannte Hungersteine zeigen. Jahreszahlen auf diesen Steinen im Flussbett erinnern an besonders trockene Jahre - die Inschriften sind nur bei extremem Niedrigwasser zu sehen. In Pirna-Oberposta nahe Dresden liegt ein Stein mit Angaben von 1728 bis 2003.

Im tschechischen Decin (Tetschen) nahe der deutschen Grenze liegt einer der größten Elbe-Hungersteine: Der sechs Quadratmeter große Basaltstein trägt als älteste Jahreszahl 1417 und die Inschrift: „Wenn du mich siehst, dann weine“. Mit dem Auftauchen der Steine bei Niedrigwasser waren vormals stets Missernte und Hungersnot verbunden.

Wer nun auf Spaziergänge im trockenfallenden Edersee rund um die versunkene Brücke bei Asel-Süd hofft, der muss warten: Der Füllstand der Talsperre lag gestern noch deutlich über 80 Prozent des Maximums bei 171 Millionen Kubikmetern. Eder- und Diemelsee werden den Winter über von Niederschlägen gefüllt, der Vollstau von knapp 200 Millionen Kubikmeternwar laut Wasser- und Schifffahrtsamt am 1. Mai erreicht. Mittlerweile wird gezielt Wasser abgelassen, um über Eder und Diemel die Schifffahrt auf der Weser zu unterstützen. So hat der Edersee innerhalb der zurückliegenden Woche immerhin zehn Millionen Kubikmeter verloren - auf jetzt 171 Millionen.

An der Werra blicken vor allem Verantwortliche des Kalikonzerns K+S auf die Wasserstände: Wieviel Abwasser aus den Kalifabriken im Kreis Hersfeld-Rotenburg und von den Halden in den Fluss geleitet werden darf, hängt unter anderem von der Wassermenge dort ab. Vergangene Woche flossen am Pegel Gerstungen noch zwölf bis 13 Kubikmeter Flusswasser pro Sekunde durch. Unter zehn Kubikmetern werde es kritisch für die Abwasser-Einleitung hieß es im Regierungspräsidium Kassel.

Hintergrund

• Der Klimawandel folgt nicht einer stur geraden Linie. Bemerkbar ist er aber auch in Deutschland längst. Der Ende Mai vorgelegte Bericht der Bundesregierung nennt Extremereignisse wie Stürme, Starkregen, Hagel oder Trockenheit als Signale des Wandels. Auch die Zahl der Tage mit Temperaturen über 30 Grad stieg von drei auf acht pro Jahr. Den ganzen Bericht gibt es hier.

• Die Trockenheit seit April trifft die Natur in der Hauptvegetationsphase. Böden sind nun so trocken, dass große Regenmengen - falls sie fallen - einfach an der Oberfläche abfließen.

• Im Mittel fielen in ganz Hessen im Mai nur 21,6 Liter pro Quadratmeter statt der üblichen 71,5 Liter. Fritzlar in Nordhessen erlebte laut Deutschem Wetterdienst den trockensten Mai seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Nicht so extrem, aber auch zu trocken war es auch in Holzminden und Braunschweig. Niedersachsen ist zweigeteilt ist: In Cuxhaven war der Mai deutlich zu nass.

Und die Regenvorhersage? Die Wetterfrösche machen einstweilen keine Hoffnung auf den mehr als nötigen Landregen. Zum Wochenende hin erreicht uns die nächste Hitzewelle mit Werten über 30 Grad, sagt Andreas Friedrichs vom Wetterdienst DWD. Dann wird’s wieder kühler mit Schauern, später weiter trocken und windig.

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