Porträt über Hessens Gefängnis-Imam

Er versucht, Häftlinge von Radikalisierung abzubringen

Auffällige Erscheinung: Imam Husamuddin Meyer konvertierte während seiner Studienzeit vom Christentum zum Islam. Foto: dpa

Gefängnisse gelten als Ort der salafistischen Radikalisierung. Häufig weisen Lebensläufe von Attentätern diese Station auf. Imam Husamuddin Meyer will mit seiner Arbeit in den Haftanstalten genau das verhindern. Wir haben ihn getroffen.

Die terroristischen Anschläge auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris haben ihn in Deutschland berühmt gemacht. Eine Medienanfrage jagt die nächste, sagt Imam Husamuddin Meyer. Das hat mehrere Gründe. Der 47-Jährige kennt sich in der salafistischen Szene aus. Beinahe täglich hat er mit den Folgen dieser konservativen Strömung des Islams zu tun. In den Gefängnissen in Wiesbaden und Rockenberg versucht er, Insassen von den radikalen Ideen fernzuhalten.

Prophylaxe nennt Meyer das. Gleichzeitig kümmert der Imam sich um diejenigen, die sich in Deutschland radikalisierten und den Versprechungen des IS folgten, nach Syrien gingen und zurückkehrten. Lange Zeit war er deutschlandweit der einzige, der diese Art der Seelsorge in Haft angeboten hat. „Der Bedarf ist groß“, sagt er. Inzwischen gibt es weitere Seelsorger dieser Art in Hessen.

Dass Medien ihn gerne ansprechen, hängt auch mit zwei weiteren Dingen zusammen: „Ich kann gut Deutsch und bin optisch ein Hingucker“, sagt er lachend. Meyer ist Deutscher, heißt eigentlich Martin und wuchs im Odenwald auf. Während seiner Studienjahre der Islamwissenschaft, Ethnologie und Geografie, reiste er viel nach Afrika und lebte ein Jahr im Senegal. In dieser Zeit entschied sich Meyer, vom Christentum zum Islam zu konvertieren. „Es gab kein spezielles Schlüsselerlebnis“, sagt der Vater von fünf Kindern. Es seien die Vorbilder in Afrika gewesen, Menschen, mit denen er zusammenlebte, die ihn inspirierten.

In dem Wiesbadener Café, in dem vor allem ältere Menschen sich zum Kaffeetrinken treffen, merkt man schnell, wie auffällig Meyer ist. Langer grauer Bart, weiße und rote Gewänder und ein Gehstock. Von vielen Seiten erntet er Blicke.

Gefängnisse gelten als Durchlauferhitzer der Radikalisierung. Das Justizministerium um Eva Kühne-Hörmann warnt seit längerem, dass die Gefängnisse auch wegen der Rückkehrer mit einer nie dagewesen Anzahl religiös motivierter Straftäter konfrontiert sein werden.

Rund 120 Männer und Frauen sollen aus Hessen bisher nach Syrien ausgereist sein. 1600 Personen soll die Szene in Hessen umfassen.

Seit sieben Jahren kümmert sich der Imam auf Honorarbasis um Häftlinge in hessischen Gefängnissen - die Bezeichnung Imam sei übrigens nicht geschützt, sagt Meyer Die Gemeinschaft erkenne ihn als solchen an. Normalerweise sei die Arbeit mit der eines Pfarrers vergleichbar. Bezahlt wird er unter anderem vom Ministerium und den Behörden selbst.

In den Gefängnissen bietet er ein Freitagsgebet und Gruppenarbeit an. Diejenigen, die nur Sympathien für den IS hegen, seien leichter zugänglich, sagt Meyer. Sie haben noch keine religiöse Prägung. Ziel sei es, dass die Rädelsführer auf keine Resonanz in den Gefängnissen stießen. Wir müssen die Arbeit in den Gefängnissen noch ausweiten, sagt Meyer. „Sie sind die Keimzellen, das wird unterschätzt“, sagt er.

Hintergrund: „Szene in Kassel ist besorgniserregend“

Imam Husamuddin Meyer sieht in Nordhessen große Probleme im Bereich Salafismus.

Kassels salafistische Szene 

Imam Husamuddin Meyer steht auch in Kontakt zu Beobachtern der salafistischen Szene in Nordhessen. „Die Szene in Kassel ist besorgniserregend“, sagt er. Es gebe dort viele Sympathiebekundungen und Anwerbungsversuche. Genaueres wollte er nicht sagen.

Wegen der Aktivitäten werde in Kassel derzeit ein Beratungsbüro für die Salafismusprävention aufgebaut (wir berichteten). Betrieben wird es vom Violence Prevention Network (VPN), das vom Land Hessen bezahlt wird und für das Meyer auch tätig ist. Im Januar soll die Arbeit beginnen - sofern Personal gefunden wird.

Motivation Jugendlicher 

Die Rekrutierer des Islamischen Staates köderten die meist 15 bis 25-Jährigen auf verschiedene Weise: Sie appellierten an den Helferinstinkt. Dann fielen Sätze wie: „Wie kannst du es zulassen, dass deine Brüder in den Kriegsgebieten ausgebombt werden?“ Geworben werde auch damit, etwas Größeres zu erreichen, etwa den IS zu errichten, dann auch „böse Menschen“ zu töten. Zudem könne durch den Märtyrer-Tod die Befreiung von Sünden erreicht werden.

Gründe, warum junge Erwachsene den Ideen folgen könnten, sieht Meyer auch in der Diskriminierung. Einige Jugendliche mit Migrationshintergrund fühlten sich weder hier noch in ihrer alten Heimat heimisch. Bleibe Erfolg aus, damit auch Ansehen, könne das ein Grund sein, diesen Ideen zu folgen.

Selbstmordattentate 

Bei diesen Fragen herrsche viel Unwissen: Selbstmordattentate sind im Islam verboten, sagt Meyer. Sie seien eine Sünde. Töten von Zivilisten ist verboten. Es gebe keine Sünde im Islam, die schlimmer bestraft werde als Terrorismus.

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