Stimmung in Athen: Deutsche berichten über die aktuelle Lage

Rauswurf auf Deutsch: Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude in Athen im Montagabend. Fotos:  dpa, privat, Goethe-Institut/nh

Doppelt so lange wie sonst hat Rene Lammer am Dienstag in Athen für seinen Weg von der Deutschen Schule zum Gemeindebüro gebraucht. Demonstranten habe er in den 45 Minuten nicht gesehen, aber viele Polizisten, berichtet der evangelische Pfarrer am Nachmittag am Telefon.

Viele Straßen seien abgesperrt gewesen: „Man musste sich mühsam den Weg nach Hause bahnen.“

Lammer (56), der in Göttingen Theologie studiert hat, leitet seit zwei Jahren die evangelisch-reformierte Kirchengemeinde in Athen. Der Besuch Angela Merkels sei für alle sehr überraschend gewesen, sagt der Geistliche. Das Feindbild Nummer 1 sei die Bundeskanzlerin vor allem für die radikale linke Opposition. Andere bedauerten, dass sie nicht früher nach Griechenland gekommen sei, würden aber anerkennen, dass sie den Mut habe, sich in eine unangenehme Situation zu begeben. Das größte Problem für alle Griechen sei die Unsicherheit, sagt der Pfarrer: „Seit zwei Jahren leben die Menschen hier jeden Monat mit der Ansage, dass jetzt aber wirklich der Abgrund bevorstehe und danach Chaos herrsche. Das hält auf Dauer niemand aus.“

Rene Lammer

Wie die wachsende Arbeitslosigkeit den Griechen zu schaffen macht, beobachtet Lammer in seinem Umfeld ebenso wie der Leiter des Goethe-Instituts in Athen, Dr. Matthias Makowski (52). „Was sich in Deutschland nur wenige vorstellen können: Die Lebenshaltungskosten hier bewegen sich auf demselben Niveau wie in Kassel oder Berlin, sind teilweise sogar höher“, sagt Makowski im Gespräch mit dieser Zeitung. „Heizöl kostet so viel wie Diesel, ist unter 1,60 Euro pro Liter nicht zu bestellen. Und der Winter ist auch in Griechenland kalt.“

Matthias Makowski

Lammer, dessen Pfarrgemeinde ein Pflegeheim betreibt, berichtet von Bewohnern, die ausziehen müssen, obwohl sie pflegebedürftig seien. Das seien Griechen, die ihre Häuser nicht mehr vermietet bekämen und deswegen das Heim nicht bezahlen könnten. Bei anderen reiche die gekürzte Rente nicht mehr aus. Auf der anderen Seite stiegen die Kosten. „Wir sollen jetzt eine neue Immobiliensteuer bezahlen, 12.000 Euro pro Jahr“, sagt Lammer.

Eine Frau aus der Mittelschicht habe ihm kürzlich erzählt, jetzt sei es soweit, sie habe ihren Schmuck verkauft, berichtet er. „Die einzigen Geschäfte, die in Athen noch neu eröffnen, sind Goldankäufe.“

Angegriffen wurden beide in Athen lebende Deutsche bisher nicht. Von einer Deutschen-Feindlichkeit könne man nicht sprechen, sagt Makowski, aber von sinkenden Sympathiewerten. In den Urlaubsregionen bekämen Touristen davon sowieso nichts mit, sagt Lammer. „Aber in Athen vergeht kein Tag, wo nicht gefrotzelt wird. Eine gewisse Gereiztheit ist zu spüren, ich fühle mich aber dennoch völlig sicher.“

Von Tatjana Coerschulte

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