80-Jährige findet Mütterrente ungerecht

Sie findet Mütterrente ungerecht und möchte die Kanzlerin schütteln

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Regt sich über die Mütterrente auf: Gertrud Diebener, die sich Fotos vergangener Zeiten ansieht. Dank der Witwenrente, die sie aufgrund ihres verstorbenen Mannes Walter (auf dem Foto zu sehen), kommt sie über die Runden. „Aber ich bin auch ein sparsamer Mensch“, sagt die 80-Jährige.

Dennhausen. Ab dem 1. Juli dieses Jahres wird die sogenannte Mütterrente angehoben. Mütter, deren Kinder vor 1992 geboren worden sind, sollen anstatt einem nun zwei Punkte bei der Rente gutgeschrieben werden. Gertrud Diebener aus Dennhausen regt sich trotzdem über die Änderung auf.

Mit jedem weiteren Wort wird die Stimme von Gertrud Diebener lauter, ihr Tonfall energischer. „Das System ist so nicht gerecht“, sagt sie, „wieso soll der Zuschlag von gut 28 Euro, den wir für die Rente bekommen, doch wieder verrechnet werden?“

Schon seit Tagen regt sich die 80-Jährige aus Dennhausen im Landkreis Kassel über die Diskussion zur Mütterrente auf: Sie gönnt den Müttern, deren Kinder nach 1992 geboren worden sind, die drei gutgeschriebenen Rentenpunkte für die Erziehungszeit. „Aber ich verstehe nicht, warum die Mütter älterer Kinder um ihren zweiten Punkt kämpfen müssen und der auch noch mit der Witwenrente verrechnet werden soll.“

„Meine Generation hat genau die gleiche Arbeit geleistet.“

Für Gertrud Diebener ist unklar, warum die Mütter jüngerer Kinder besser gestellt sind als sie: „Meine Generation hat ja genau die gleiche Arbeit geleistet.“ Mit 20 Jahren ist sie schwanger geworden und hat ihren Job in der Kartonagefabrik - „wir haben immer Schachtelbude gesagt“, erzählt die ältere Dame und lacht - aufgegeben: „Dort habe ich, seitdem ich 15 Jahre alt war, gearbeitet, weil es keine Lehrstellen gab. Wochentags von 7 bis 17 Uhr, samstags bis 13 Uhr.“ Gut 150 Mark hat sie damals im Monat verdient, hat etwas in die Rentenkasse einzahlen können.

In der „Schachtelbude“: Hier hat Gertrud Diebener (sitzend rechts) fünf Jahre lang gearbeitet.

Als dann die Tochter kam, blieb Diebener daheim: „Kindergärten gab es nicht, deshalb musste ich zuhause bleiben und das Kind hüten.“ Das Kindergeld war noch nicht erfunden, das Geld jedoch knapp: „Das waren sowas von arme Zeiten“, sagt Diebener ernst. Deshalb hat sie trotz des gerade erst geborenen Babys eine neue Arbeit angenommen: Die damals 20-Jährige fertigte für die nächsten fünf Jahre in Heimarbeit Kleinstteile für einen Kühlschrankhersteller an.

Gut 91 Euro Rente

Aus diesen insgesamt zehn Jahren und einem Jahr, welches ihr für die Erziehung ihrer Tochter angerechnet wurde, bezieht Gertrud Diebener nun ihre Rente - gut 91 Euro im Monat. Hinzu kommt die Witwenrente, die sie seit dem Tod ihres Mann vor knapp 20 Jahren bekommt, die unter 800 Euro im Monat liegt - und die mit dem zweiten Rentenpunkt verrechnet werden soll. „Das, was ich also für mein Mutterdasein dazu bekomme, wird mir an anderer Stelle wieder abgezogen“, schimpft Diebener. „Bei solchen Vorhaben möchte ich die Kanzlerin manchmal schütteln.“

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Dass die eigene Rente so gering ist, liegt nicht daran, dass Diebener nicht länger arbeiten wollte: „Sowohl meine Tante als auch mein Onkel waren krank“, erzählt die resolute Frau, „ich bin mit meiner Familie 1963 zu ihnen gezogen und habe sie gepflegt.“ Erst noch Onkel und Tante gemeinsam, nach deren Tod 1967 nur noch den Onkel. „Er war ein Urtyp, geistig rege“, erinnert sie sich an Fritz, der 1991 verstarb. „Trotz seiner Muskelschwund-Erkrankung war er überall dabei.“

Pflegegeld gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht: „Und obwohl ich ab 1973 für wenige Stunden in der Woche in einer Fleischerei gearbeitet habe, war das nicht genug, als dass ich in die Rentenkasse hätte einzahlen können“, beschwert sich Diebener heute noch über diese Ungerechtigkeit. Ansonsten läge ihre Rente heute weitaus höher - und die Verrechnung des zusätzlichen Rentenpunktes würde vielleicht nicht ganz so schmerzen.

Das sind die wichtigsten Begriffe aus der Debatte

Mütterrente

Müttern, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, sollen künftig pro Kind zwei Rentenpunkte statt nur einem gutgeschrieben werden. Frauen, die schon in Rente sind, hätten damit im Westen 28,14 Euro, im Osten 25,74 Euro mehr im Monat. Doch Rentnerinnen, die Grundsicherung, also Sozialhilfe im Alter, beziehen, haben nichts von dem geplanten Zuschlag, sagt Marina Herbrich, Präsidentin des Bundesverbandes der Rentenberater: Was der zusätzliche Rentenpunkt einbringe, werde von der Grundsicherung wieder abgezogen. Auch mit Witwenrenten werde der Zuschlag ganz oder teilweise verrechnet, weil er rechtlich als Einkommen gelte. (wll)

Pflegegeld

Pflegebedürftige Menschen müssen keine Pflegedienste in Anspruch nehmen; sie können stattdessen Pflegegeld erhalten, wenn sichergestellt ist, dass sie zuhause gepflegt werden. Die Höhe der Auszahlung ist nach der Schwere der Pflegebedürftigkeit gestaffelt: Bei Stufe I beträgt sie 235 Euro im Monat, bei Stufe II sind es 440 Euro und bei Stufe III bekommt der Betroffene 700 Euro im Monat. Personen, die in ihrer Alltagskompetenz eingeschränkt sind - zum Beispiel Demenzkranke - haben einen abweichenden monatlichen Satz. Informationen unter www.bmg.bund.de/pflege

Grundsicherung

Die Grundsicherung ist wie das Pflegegeld eine Sozialleistung. Sie kommt zum einen älteren Menschen ab 66 zugute, deren Rente und mögliche andere Einkommen nicht für den Lebensunterhalt ausreicht. Zum anderen bekommen auch die Personen Grundsicherung, die wegen einer bestehenden Erwerbsminderung ihren Lebensunterhalt auf Dauer nicht aus eigener Erwerbstätigkeit bestreiten können. Als Faustregel gilt, dass man bei einem monatlichen Einkommen unter 758 Euro überprüfen lassen kann, ob man Anspruch auf Grundsicherung hat. Auskunft darüber gibt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales: www.bmas.de unter dem Stichwort Themen - soziale Sicherung.

Witwenrente

Im Falle eines Todes des Ehepartners haben Hinterbliebene ein Anrecht auf Witwenrente. Diese soll den Unterhalt, den der verstorbene Ehepartner nicht mehr erbringen kann, ersetzen. Gezahlt wird diese Form der Rente von der Deutschen Rentenversicherung. Unterschieden wird dabei zwischen einer kleinen und einer großen Witwenrente: Erstere wird zwei Jahre lang gezahlt, bei der großen muss der Verstorbene mindestens fünf Jahre in die Rentenkasse einbezahlt haben; zudem gibt es weitere Voraussetzungen. Diese sind zum Beispiel bei der Vereinigten Lohnsteuerhilfe zu finden: www.vlh.de unter Krankheit und Vorsorge aufgelistet.

Von Constanze Wüstefeld

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