Interview mit dem ehemaligen V-Mann-Führer Leo Martin zur Arbeitsweise des Verfassungsschutzes

Interview: So arbeitet der Verfassungsschutz mit V-Männern

Nach der Neonazi-Mordserie muss sich der Verfassungsschutz vielen unangenehmenen Fragen stellen. Wir haben mit Leo Martin gesprochen, der früher selbst V-Männer geführt hat.

Wie wird man V-Mann des Verfassungsschutzes?

Leo Martin: Nicht jeder eignet sich als V-Mann. Dem Verfassungsschutz geht es darum, Insiderinformationen über Organisationen zu bekommen, die abgeschottet arbeiten. Als V-Mann eignet sich nur jemand, der einen Zugang zu der jeweiligen Organisation hat.

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Wird man eingeschleust oder angeworben?

Martin: Es gibt beide Wege. Der klassische V-Mann wird aber angeworben. Es gibt Ausschlusskriterien, zum Beispiel wenn die Person in der Organisation schon zu hoch angesiedelt ist, wenn er zu viele eigene egoistische Interessen besitzt. Denn sonst ist der Vorwurf schnell da, dass der Staat durch den Verfassungsschutz eine kriminelle oder extremistische Organisation steuert.

Wie verlässlich sind die Informationen von V-Männern?

Martin: V-Mann ist nicht gleich V-Mann. Jeder V-Mann wird ständig getest, erprobt und überprüft. Das ist nicht ganz einfach, weil die V-Männer eigene Interessen verfolgen. Der V-Mann wird zu Situationen befragt, die der Verfassungsschutz vielleicht selbst inszeniert hat, um Berichte des V-Manns zu überprüfen.

Wie ist die Bezahlung?

Martin: Wenn durch die Medien geistert, ein V-Mann hätte 200 000 Euro bekommen, dann ist das für mich ein Betrag, der fern jeder Realität liegt. Ich habe meine V-Leute allesamt anders geführt. Da war Geld nie das Motiv. Sobald der V-Mann merkt, dass der Gehalt seiner Informationen mit Geld aufgewogen wird können sie sicher sein, dass sie bei jedem Treffen neuere, tollere, spannendere Geschichten vom V-Mann erfahren. Aber natürlich fließt auch Geld.

Worin unterscheidet sich die Arbeit des Verfassungsschutz im Vergleich zur Polizeiarbeit?

Martin: Die Polizei arbeitet projektmäßig. Die bekommen einen Fall, klären den auf und der Zugriff erfolgt. Klappe zu, Affe tot. Der Verfassungsschutz arbeitet anders. Deren Job ist es immer am Puls der Zeit zu bleiben und Trends und Tendenzen zu erkennen. Das gelingt nur, wenn sie es schaffen innerhalb einer Szene den V-Mann langfristig an der richtigen Stelle zu platzieren und das Zauberwort ist hier langfristig. Die Polizei unterliegt dem Legalitätsprinzip, das heißt wenn sie von einer Straftat erfahren, müssen sie diese verfolgen - sie haben keinen Ermessensspielraum. Der Verfassungsschutz unterliegt dem Opportunitätsprinzip, das heißt dem pflichtgemäßen Ermessen. Der Verfassungsschutz kann aber kein Verbrechen tolerieren, er kann keinen Mord decken - das geht nicht.

Sie waren im Führen von Personen tätig, die in der organisierten Kriminalität aktiv waren. Worin besteht der Unterschied zum extremistischen Milieu?

Martin: Den organisierten Kriminellen geht es um Egoismus, da geht es um Geld und Macht. Den Extremisten geht es um Ideologie und Werte. Einen Kriminellen als V-Mann zu gewinnen ist relativ einfach. Bei den Extremisten muss man ans Wertesystem ran, das ist schwieriger und langwieriger. Der Rechtsextreme mag einen starken Staat. Der mag Autorität und Regeln. Dies kann der Verfassungsschutz bieten.

Was bedeutet die V-Mann-Affäre für den Verfassungsschutz?

Martin: Ich sehe im Augenblick noch keinen Verfassungsschutz-Skandal. Der Verfassungsschutz operiert streng nach Recht und Gesetz mit einem sehr hohen Anspruch an die operative Sicherheit. Das heißt über jedes Treffen gibt es einen Bericht, der auch verschiedene Distanzen durchläuft. Wenn da irgendwas Problematisches drinsteht, gehen sofort die Alarmlampen an. Ich kann und will mir einfach nicht vorstellen, dass der Verfassungsschutz bei den Morden in irgendeiner Form eine Rolle gespielt hat. Das ist eine kleine Zelle aus drei bis fünf Einzeltätern, die haben sich unsichtbar gemacht. Der Verfassungsschutz kann Straftaten auf diesem Niveau nicht decken.

Kommen sich die verschiedenen Behörden beim Führen von V-Männern nicht in die Quere?

Martin: Es gibt eine Zusammenarbeit. Der V-Mann an sich, der langfristig tätig ist, liegt in der Zuständigkeit vom Verfassungsschutz. Die Polizei führt zwar auch V-Männer, aber mit einem kurzfristigen Ansatz. Staatsschutz und Verfassungsschutz tauschen sich aus. V-Männer werden intern als Quelle bezeichnet und was uns heilig ist, ist der Quellenschutz. Das heißt: absolute Geheimhaltung. Darum werden die V-Männer auch nach innen abgeschottet, um sie zu schützen.

Von Daniel Schneider

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