Israelisch-deutsches Verhältnis

„Immer mehr eine einseitige Liebe“

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Anita Haviv-Horiner. 

Die Israelin Anita Haviv-Horiner organisiert seit vielen Jahren Israel-Reisen mit Deutschen. Wir sprachen mit ihr über ihre Erfahrungen.

Frau Haviv-Horiner, worüber wundern sich Deutsche am meisten, wenn sie nach Israel kommen?

Anita Haviv-Horiner: Aus den Medien glauben sie, dass der palästinensisch-israelische Konflikt vollkommen im Mittelpunkt steht. Wenn sie dann hierherkommen, merken sie, dass es auch viele innerisraelische Konflikte gibt, zwischen Juden, auch zwischen jüdischen und arabischen Israelis. Sie merken aber auch, dass die israelische Gesellschaft unglaublich dynamisch und vital ist.

Was heißt das?

Haviv-Horiner:Gerade weil es eine konfliktreiche Gesellschaft ist, ist hier auch die Kunst damit umzugehen, hoch entwickelt. Es gibt unglaublich viele zivilgesellschaftliche Initiativen, die versuchen, der Politik entgegenzuwirken. Deutsche, die das erste Mal in Israel sind, merken schnell, dass praktisch jeder Israeli eine faszinierende Biografie hat. Auch dass viele Israelis eine sehr emotionale Beziehung zu ihrem Land und ihrer Gesellschaft haben und dass sie patriotisch sind, auch wenn sie links sind.

Was löst Ihrer Erfahrung nach bei Deutschen in Israel die tiefsten Emotionen aus?

Haviv-Horiner:Die Begegnungen und Gespräche mit Menschen und ihren Geschichten. Zum Beispiel mit jungen Menschen, die in die Armee gegangen sind und erzählen, was das für sie bedeutet. Oder auch mit Holocaust-Opfern und der Bedeutung von Israel für sie. Viele Deutsche sehen dann, dass es in Israel sehr viele kontroverse Auffassungen gibt und dass man diese auch sehr gut zulassen und für sich selbst stehen lassen kann. Man muss da nicht „Ordnung“ machen; auch das ist wohl etwas, was für Deutsche neu sein kann.

Was für Missverständnisse zwischen Deutschen und Israelis gibt es?

Haviv-Horiner:Dazu muss man wissen, dass ich Tochter von Holocaust-Überlebenden bin. Ich erzähle oft meine Geschichte und die meiner Eltern und welche Auswirkungen das auf mein Leben gehabt hat. Es kann dann schon mal vorkommen, dass mir deutsche Besucher sagen, dass sie nicht verstehen, dass Israel mit den Palästinensern so umgeht, wie es das tut, obwohl Auschwitz-Überlebende es eigentlich besser wissen müssten.

Was genau macht das so schmerzhaft?

Haviv-Horiner:Vorweg: Ich bin eine Gegnerin der israelischen Besatzungspolitik. Aber aus innerisraelischen Gründen. Wenn aber ein Deutscher den Unterschied zwischen der israelischen Besatzung palästinensischer Gebiete und der Nazizeit nicht versteht und von den Juden verlangt, sie müssten bitteschön aus dem Holocaust gelernt haben so moralisch zu sein, dass Deutschen damit zufrieden sein können, dann stellen sich mir die Haare auf.

Was führt noch zu Missverständnissen?

Haviv-Horiner:Zum Beispiel ist es für manche schwierig zu verstehen, dass die jüdische Religion zugleich auch eine Nationalreligion ist. In der jüdischen Religion gibt es die Thora, also die Lehre, das Volk Israel und das Land Israel. Das Judentum unterscheidet sich diesbezüglich vom Christentum. Es geht ja gar nicht darum, ob man das gut findet oder nicht. Aber man sollte es verstehen, wenn man Israel verstehen will.

Wodurch fallen Deutsche in Israel auf?

Haviv-Horiner: Heute werden die Deutschen in Israel wesentlich positiver wahrgenommen als Israel in Deutschland. Das bestätigen auch alle Umfragen, etwa von der Konrad-Adenauer-Stiftung oder der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder blühen. Aber vom Gefühl füreinander entwickelt sich das israelisch-deutsche Verhältnis offenbar immer mehr zu einer einseitigen Liebe.

Israelis wollen nie mehr Opfer sein, Deutsche nie mehr Täter: Auch wenn beide Völker gegensätzliche Lehren aus ihrer gemeinsamen Geschichte gezogen haben – stiftet das nicht dennoch eine besondere Zusammengehörigkeit?

Haviv-Horiner: Ja, das stimmt. Tatsächlich nehmen Israelis die deutsche und europäische Politik oft als übertrieben zurückhaltend wahr, um es höflich zu sagen. Viele Israelis fühlen sich von daher unverstanden. Schließlich leben wir in einem Umfeld, wo eine starke Armee erforderlich ist. Hätten wir sie nicht, würden wir hier nicht mehr sein. Israelis verstehen auch oft nicht, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte anscheinend nicht entnommen haben, dass man gegen unmenschliche Regimes kämpfen muss, wenn man überleben will.

Werden antisemitische Angriffe wie in Berlin in Israel wahrgenommen?

Haviv-Horiner:Absolut. Dass der junge Israeli, der im Übrigen ein arabischer Israeli ist, kein jüdischer, sich eine Kippa aufsetzte und deswegen verprügelt wurde, darüber wird in allen Medien berichtet. So etwas wird immer wieder thematisiert. Viele sagen dann: „Gut dass wir in Israel sind. Das ist ein sicherer Hafen.“ Was von der Logik her nicht stimmt, weil Israel eben in einem sehr schwierigen Umfeld zurechtkommen muss. Persönlich, ganz subjektiv, fühle ich mich in Israel sicherer.

Was ist Ihre Empfehlung an einen Deutschen, der zum ersten Mal nach Israel kommt?

Haviv-Horiner: Die Landschaft ist natürlich wunderschön. Ich empfehle: Mit Menschen reden. Und das funktioniert in Israel einzigartig gut. Die Menschen sind unglaublich offen und interessiert aneinander.

Zur Person

Anita Haviv-Horiner (57), 1960 in Wien geboren und aufgewachsen, wanderte 1979 allein nach Israel aus. Sie studierte Literatur in Tel Aviv, lebt heute in Netanya an der Mittelmeerküste.

Seit vielen Jahren organisiert sie für die Bundeszentrale für politische Bildung und andere Israelreisen für Multiplikatoren. Die Mutter zweier erwachsener Kinder hat bei der Bundeszentrale Bücher zum Thema veröffentlicht: "Grenzen-los? Deutsche in Israel und Israelis in Deutschland" und "Heimat? - Vielleicht. Kinder von Holocaustopfern". Zurzeit arbeitet sie an einem Buch über den israelischen Blick auf Europa. (tpa)

Publikationen von Anita Haviv-Horiner bei der Bundeszentrale für politische Bildung

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