Fragen und Antworten

Immer mehr Kinder zu dick: Ärzte plädieren für Magen-OP

Fettleibige Kinder: In jungen Jahren leiden sie unter Hänseleien von Gleichaltrigen und oftmals fehlenden Freunden. Im Alter wirkt sich das immense Übergewicht auf ihre Organe aus. Herz- Kreislauferkrankungen und Diabetes sind nur drei Krankheitsbilder. Foto: dpa

Mediziner warnen: Fettleibigkeit bei Kindern ist eine tickende Zeitbombe. Die Betroffenen haben später ein viel höheres Risiko für gefährliche Herz- und Gefäßerkrankungen als bislang gedacht. Kinderchirurgen sehen inzwischen in einer Magenoperation den einzigen Ausweg.

? Welche Beschwerden haben Kinder und Jugendliche, die stark fettleibig sind?

Fettsüchtige Kinder leiden nicht nur körperlich unter ihrem Gewicht, sondern müssen auch viele Hänseleien ertragen. Im fortgeschrittenen Alter kommen Diabetes, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Gelenkprobleme und Haltungsschäden hinzu.

? Wie viele Kinder in Deutschland sind deutlich übergewichtig?

Hierzulande gelten heute rund 800 000 Kinder und Jugendliche als stark übergewichtig. Schätzungsweise 1000 fettsüchtige Kinder wurden in Deutschland bereits am Magen operiert.

? Nimmt die Zahl stark fettleibiger Kinder in Deutschland stetig zu?

Nein, sagt Dr. Susanna Wiegand, Leiterin des Interdisziplinären Sozialpädiatrischen Zentrums an der Charité in Berlin auf Anfrage. Jedoch verdoppelte sich nach ihren Angaben zwischen 1990 und 2003 die Zahl der extrem fettleibigen Kinder. Belastbare Zahlen existierten allerdings nicht.

? Welche Kinder und Jugendliche sind besonders gefährdet, fettleibig zu werden?

Risikogruppen sind nach Erfahrung der Berliner Medizinerin Kinder aus sozial schwachen Familien und mit Migrationshintergrund. Einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen gibt es indes nicht.

? Was sind die Gründe für Fettleibigkeit bei jungen Menschen?

In 50 Prozent der Fälle liegt eine genetische Veranlagung vor, sagt Dr. Wiegand. Jedoch wird Adipositas (Fettleibigkeit) nicht tatsächlich vererbt. Vererbt wird vielmehr die Empfänglichkeit, adipositär zu werden. Weitere Ursachen sind falsche Ernährung und Bewegungsmangel. Manche Jugendliche fangen auch aus Frust an, Unmengen in sich hineinzustopfen. Diese falsche Ernährung führt dann zu extremem Übergewicht.

? Was wird durch einen operativen Eingriff erreicht?

Erfahrungen darüber liegen derzeit nur bei erwachsenen Patienten vor. Demnach sorgt die stark gebremste Nahrungsaufnahme bereits nach einem Jahr für Erfolge. Eine norwegische Studie belegt zudem, dass viele Fettsucht-Symptome wie Rücken- und Gelenkschmerzen oder starkes Schwitzen verschwinden. Viele Patienten fühlen sich demnach nicht nur körperlich, sondern auch mental und emotional besser.

? Bleiben bereits bestehende Erkrankungen nach einer OP bestehen?

Folgeerkrankungen der Fettsucht, wie Herz-Kreislauf-Störungen oder Diabetes kann die OP nicht wegzaubern. Und manchmal ist die Gewichtsreduktion so stark, dass Haut und Bindegewebe in Lappen herunterhängen.

? Muss es immer eine OP sein, oder gibt es auch andere Wege, die Fettleibigkeit bei jungen Menschen zu bekämpfen?

Body-Mass-Index (BMI)

Der BMI, Body-Mass-Index, zeigt das Verhältnis des Gewichts zur Körpergröße an. Er wird folgendermaßen berechnet: Gewicht in kg geteilt durch Größe mal Größe. Beispiel:

74 (kg) : 1,72 (m) x 1,72 = 74 : 2,96 = 25 (BMI).

Ein BMI unter 18,5 bedeutet Untergewicht, zwischen 18,5 und 24,9 Normalgewicht, zwischen 25 und 29,9 Übergewicht. Ein BMI ab 30 bedeutet Fettleibigkeit. Einen BMI-Rechner findet man unter

www.bmi-rechner.biz

Aus einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vom Oktober 2012 geht hervor, dass Maßnahmen zur Gewichtsreduktion wie Diäten und Bewegungsprogramme bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen meist keine langfristige Wirkung zeigen. Man schätzt deshalb, dass über drei Viertel aller dickleibigen Kinder ihr Übergewicht in das Erwachsenenalter mitnehmen. Dennoch sieht die Ärztin aus der Charité, Dr. Wiegand, eine Magenoperation nur als absolute Ausnahme bei Jugendlichen an. Ohnehin solle das erst nach Abschluss der körperlichen Entwicklung, also frühestens mit 16 bis 17 Jahren, in Betracht gezogen werden. Und dies auch nur dann, wenn zuvor alle konservativen Maßnahmen zu keinem Erfolg führten. Eine Magenverkleinerung ziehe nicht nur erhebliche Nebenwirkungen nach sich, sondern sei auch ethisch bedenklich.

Hintergrund: Hilfe für Betroffene

Mediziner der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie erörterten in einer Pressekonferenz während des vierten Weltkinder-Chirurgenkongresses in Berlin das Thema Magen- und Darmverkleinerungen bei fettleibigen Kindern (Adipositaschirurgie) mit US-amerikanischen Kollegen. Informationen dazu gibt es auf der Seite www.dgkixc.de

Rat bekommen Eltern von Kindern mit extremer Adipositas (Fettleibigkeit) unter anderem auch bei der Adipositas-Forschung Ulm www.adipositasforschung-ulm.de

der Charité Universitätsmedizin Berlin www.charite.de

der Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendmedizin am Uniklinikum Leipzig www.kik.uniklinikum-leipzig.de

und der Vesetischen Kinder- und Jugendklinik an der Uni Witten/Herdecke www.uni-wh.de

Von Peter Kilian

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.