Immer mehr minderjährige alleinreisende Flüchtlinge vermisst gemeldet

Auf sich allein gestellt: 11 000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind 2015 nach Hessen und Niedersachsen gekommen. Immer mehr von ihnen gelten als vermisst, weil sie aus betreuten Einrichtungen verschwinden, Foto: dpa

Wiesbaden/Hannover. 11.000 minderjährige Flüchtlinge sind im vergangenen Jahr bei hessischen und niedersächsischen Behörden registriert worden. Sie sind ohne Angehörige auf eigene Faust nach Deutschland eingereist.

Die Behörden stehen allerdings vor einem Problem: Immer mehr von ihnen verlassen die für sie bereitgestellten Unterkünfte und verschwinden spurlos.

Die Aufnahmeeinrichtungen und Jugendämter sind machtlos. Verschwinden die Kinder und Jugendlichen, geben sie Vermisstenanzeigen bei der Polizei auf. Wo die Flüchtlinge am Ende landen, bleibt aber meist ungeklärt. Denn die Polizei kann in weniger als der Hälfte der Fälle ermitteln, wo die Jugendlichen eigentlich abgeblieben sind - die Aufklärungsquote in Hessen liegt bei 40 Prozent.

Laut Sozialministerium galten 2015 knapp über 600 Flüchtlingskinder in Hessen als vermisst. Die Zahl stieg aktuell auf 844 an. In Niedersachsen wird zu den verschwundenen Flüchtlingskindern gar keine Statistik geführt. Der Landkreis Göttingen spricht lediglich von „wenigen Einzelfällen“.

Ganz im Gegensatz zum Bundeskriminalamt (BKA). Es geht von einer steigenden Tendenz aus. In Deutschland gelten 4749 Flüchtlinge als vermisst, so die Zahlen des Bundeskriminalamts zu Jahresbeginn. Mitte 2015 lag die Zahl der verschwundenen Kinder noch bei 1637.

Besonders auffällig ist die Altersgruppe der Flüchtlinge zwischen 14 und 17 Jahren. Aber auch 400 Vermisste sind unter 13 Jahren. Die meisten der unbegleiteten jungen Asylsuchenden kommen laut den Sozialministerien Hessen und Niedersachsen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak.

Über die Gründe des Verschwindens grübeln die Behörden. „Vielfach entfernen sich die Kinder nicht planlos, sondern wollen ihre Eltern, Verwandten oder Bekannten in anderen deutschen Städten oder im europäischen Ausland suchen“, weiß Sandra Clemens, Pressesprecherin des BKA.

Probleme bei Registrierung

Ein Grund für die hohe Zahl der Vermissten könnte allerdings auch in einer Unschärfe der Datenerhebung liegen: die doppelte Registrierung der Verschwundenen. „Wenn die Jugendlichen eine Unterkunft verlassen, um sich aus eigenem Willen auf den Weg in andere Teile des Landes zu machen, kommt es häufig zu Mehrfachregistrierungen“, erklärt Clemens. Es gebe häufig verschiedene Schreibweisen desselben Namens und die Kinder hätten oft keine Ausweispapiere. Verlassen sie dann erneut eine Unterkunft, würden sie doppelt vermisst gemeldet, so Clemens.

Besonders viele Flüchtlinge werden übrigens in Frankfurt als vermisst gemeldet. Bedingt durch die geografische Lage und die Infrastruktur sei die Stadt stark von minderjährigen Flüchtlingen frequentiert. Viele seien dort registriert aber verschwunden, sagt das hessische Sozialministerium. Aber auch die Städte Gießen und Hannover gelten als Brennpunkte.

Hintergrund:

• Suche der Polizei: Die Polizei sucht regulär mit Fahndungsausschreibung auf nationaler und internationaler Ebene (im Schengenverbund) nach den minderjährigen Vermissten. Die Ausschreibung wird aufgehoben, wenn Flüchtlinge die Volljährigkeit erreichen, also 18 Jahre alt werden. Die meisten Datensätze der jungen vermissten Asylsuchenden würden aber als ungeklärte Vermisstenfälle für 30 Jahre aufbewahrt, erklärt Esther Walter, Pressesprecherin des Sozialministeriums Hessen.

• Kosten der Betreuung: Die Betreuung von minderjährigen Flüchtlingen bezahlen die Länder. Aktuell gibt es keine Angaben, was die Betreuung, Unterbringung und Verpflegung der jungen Flüchtlinge in Hessen und Niedersachsen kosten. Das niedersächsische Sozialministerium verweist auf Anfrage unserer Zeitung jedoch auf Durchschnittswerte des Bundesverwaltungsamtes aus den vergangenen Jahren. Demnach müssen die Länder für die Betreuung jedes geflüchteten Jugendlichen jährlich 30.000 Euro ausgeben, also monatlich rund 2500 Euro.

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